Das Wort zum MUTwoch (63): Zivilcourage

Gothardusfest. Selbst noch am finalen Sonntag auf dem Hauptmarkt Hundertschaften von meist gut gelaunten Leuten. Und nicht nur, weil es Gerstensaft zur Genüge gab. Für Frierkatzer wie mich hatte der Winzer hinterm Rathaus sogar Glühwein …

An einem der Stände eine junge Frau. Wohlgenährt. Offenherzig gekleidet. Was Einblicke erlaubte, nicht nur aufs Arschgeweih. An ihrer Seite ein kleines Zopfliesl. Lustig, lachend und immer herumwieselnd um die Mama und deren Gefolge. Zwei Kerle, Bier bechernd, qualmend. Plötzlich brüllte einer der beiden: Das Kind war beim Hasche spielen ans Tischchen gestoßen, die Bierbecher kippten um. Der Brüller drehte sich und schlug dem Kind derart brutal ins Gesicht, dass es rücklings hinfiel. Das Mädchen tat kein Mucks, rappelte sich auf, hockte sich ein paar Schritte entfernt an einen Baum. Wie ein geprügelter Hund … Weiterlesen

Das Wort zum MUTwoch (62): Irroyal

Die singende Sonnenbrille Heino schnettert seit 1999 immer wieder mal “Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben …”

Mit echter Inbrunst tut das der deutschtümelnde Heinz-Georg Kramm, wie der schwarzbraune Haselnuß-Konditor und gebürtige Düsseldorfer heißt.

Sicher auch, weil er keinen blassen Schimmer davon hat, wie diese Verse zur martialischen Militärmusik kamen, die Richard Henrion 1893 als “Fehrbelliner Reitermarsch” komponierte.

Ein Gassenhauer wurde das Stück nämlich erst nach 1918. Nachdem Wilhelm II. abdanken musste. gab es einen neuen Text – vermutlich zugleich als Zeichen eines nostalgisch-verklärenden wie auch eines kritisch-ironischen Umgangs mit der „guten alten Zeit“.

Der letzte deutsche Regent Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen – so der komplette Name – war übrigens schlicht getürmt: Er hielt sich im deutschen Hauptquartier im belgischen Spa auf, bis die Entente seine Auslieferung als Kriegsverbrecher verlangte. Da ging er in die nahen Niederlande, weil ihm Königin Wilhelmina nach 2 Tagen Bedenkzeit Asyl gewährte und seine Auslieferung verwehrte. Der Ex-Kaiser blieb bis zu seinem Tode 1941 im niederländischen Doorn.

Und damit kriege ich die Kurve dazu, dass Dienstag vor einer Woche laut dpa über vier Mio. Zuschauer in deutschen Wohnstuben saßen und zuschauten, wie die Niederlande einen neuen König bekamen. Willem-Alexander ist übrigens der Urenkel der Kaiserasyl gewährenden Königin Wilhelmina …

ARD, RTL und n-tv waren beim Krönungs-Spektakel live dabei, kamen zusammen auf eine Einschaltquote von fast 40 %.

Vor allem der “Adelsexperte” der ARD, Rolf Seelmann-Eggebert, sammelte dabei die meisten Blaublut-Jünger ein – nämlich drei Viertel aller Zuschauer. Darunter auch das “Provinzschnatterinchen” Pauline Werner …

Und weil Paulinchen so gern Prinzessinnen mag und eine Ader fürs Literarische hat, galt bei ihr: “Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über …” Sie ist wirklich loyal royal, wie ihre amüsante Sonntags-Kolumne bewies.

Auch davon, dass eine n-tv-Umfrage ermittelte, 70 % der Deutschen würden einstimmen und “Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben …” singen. Was allerdings kein Wunder war – das telefonische Votum fand während der Krönungs-Übertragung des Nachrichtensenders statt.

Für den “Stern” fragte das Meinungsforschungsinstitut FORSA ebenfalls – und repräsentativ, wie es immer so schön heißt: Demnach möchten trotzdem weiterhin 87 % der Bundesbürger am Bestehenden festhalten und auf eine konstitutionelle Monarchie verzichten.

Schade nur, dass bei dieser wie bei anderen Meinungsumfragen bloß selten offengelegt wird, was genau gefragt wurde. Zudem hätten mich im konkreten Fall schon einmal die Gründe dafür interessiert, warum die “von und zu”s in deutschen Landen keine zweite Chance bekommen sollen …

Sicher nur ist, dass die meisten von uns an jenem Dienstags zwischen 13 Uhr und 16 Uhr unserem Job mehr Aufmerksamkeit widmeten als dem Oranje-Spektakel um Willem-Alexander. Wohl auch deshalb lag der Anteil der 14- bis 59-Jährigen am Fernseh-Volk nur bei bescheidenen 14 %.

Ich jedenfalls bin bekennend irroyal und meine deshalb “Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm nicht wiederhaben

Habt Mut und genießt den Mittwoch!

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

Wortdrechseleien: Zum Beispiel Hoeneß

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß? Wollen wir nicht alle ein paar Euro Steuern sparen?

Sie nicht?
Ich schon!

Jüngst war Thomas Gottschalk Schwatz-Gast bei Jauch im Ersten. Er und der Präsident des 1. FC Bayern sind dicke Freunde. Keine Frage, dass „Thommy“ seinen Kumpel raushauen wollte: Nicht ungeschickt drückte er auf die Tränendrüse. Der Uli habe doch Gutes getan, gespendet, so manche Not gelindert und Leid gemildert.

Genau so sehen es viele. Und nicht nur eingefleischte „Bayern München“­-Fans: „Mia san Uli!“

Hoeneß kann sich diese öffentlichkeitswirksame Mildtätigkeit leisten. Er hat’s ja schließlich.

Ob er die viele Kohle verdient, die er bekommt, steht auf einem anderen Blatt: Da ist die „HoWe Wurstwaren KG“ in Nürnberg. Sohn Florian führt deren Geschäfte. Ganz sicher zu Vaters Zufriedenheit: 4 Mio. Würstchen gehen schließlich jeden Tag
über die Laderampe. Großabnehmer ist z. B. Aldi Süd.

Diese „Original Nürnberger Rostbratwürste“ munden nur etlichen der 350 Beschäftigten nicht besonders, die sie herstellen. Nicht nur die „Zeit“ berichtete schon 2010 darüber, dass Hoeneß‘ Firma unter Tarif zahle, auf Zeitarbeiter setze und die Beschäftigte bei Nässe und Kälte arbeiten lasse. Man berief sich dabei auf die Gewerkschaft Nahrung
Genuss Gaststätten (NGG). Hoeneß wies damals mit markigen Worten die Vorwürfe zurück: „Wir leben in keinem Gewerkschaftsstaat, wo mir die NGG Vorschriften machen kann.“

Kann sein, dass Hoeneß tatsächlich ein ausbeuterischer Profit-Maximierer ist.
Kann sein, dass er die Spendierhose anhat, um sich eitel in der medialen Aufmerksamkeit zu sonnen.
Kann sein, dass er glaubte, seine Schweizer Zinsgewinne würden keinen interessieren.
Als es anders kam, verfiel er auf den Dreh mit der Selbstanzeige.

Was nix anderes ist als der Ablasshandel des 21. Jahrhunderts. Ganz wie ihn einst Johann Tetzel betrieb: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Schon zu Luthers Zeiten konnte man sich vor der höllischen Pein und dem
Fegefeuer freikaufen. Heutzutage von der Haft?

Hoeneß zahlt offensichtlich nicht gern Steuern.
Ich auch nicht.

Deshalb nicht, weil ich nicht verstehe, wofür ich welche Steuern zu entrichten habe: Da gibt es z. B. die Schaumwein-Steuer. Die hat Kaiser Wilhelm II. einführen lassen, um Schlachtschiffe bauen zu können. Um Deutschlands “Platz an der Sonne“ zu erobern
und seine blaublütige britische Verwandtschaft zu ärgern. Die Flotte ist 1919 bei Scapa Flow versunken, verrostet, deren Schrott wiederverwertet worden. Schaumweinsteuer bezahlen wir immer noch.

Ich will meine Steuererklärung auf einem Bierdeckel machen können.
Ich will wissen, wofür ich zahle.

Statt Hoeneß & Co. ganz legal die Chance zum Tausch Zaster gegen Knast einzuräumen, sollte die längst überfällige Steuerreform stattfinden.

Meine Hoffnung darauf ist allerdings so gering wie meine Chancen, in Steuersparparadiese auswandern zu können. Auch die Grünen wollen jetzt höhere
Steuern.

Und deshalb werden noch viel mehr den Hoeneß machen …

headerlogoSeit 1. Mai 2013 gibt es “Wortdrechseleien” als Kolumne auf dem Regionalportal meinmarcus.de und in der gedruckten Ausgabe des Anzeigenmagazins “marcus”, das im Landreis Saalfeld-Rudolstadt erscheint.

Das Wort zum MUTwoch (61): Von den Sünden

Seit einiger Zeit denke ich nahezu ausschließlich ans Essen.

Das hat partout nix mit meinem Baujahr zu tun. Über den „Sex des Alters“ habe ich mich früh genug ausgelassen.

Trotzdem ist es schon irgendwie befremdlich, dass ich dauernd nachsinne, was einzukaufen wäre, um diese oder jene Leibspeise anrichten zu können. Vor allem der Fleischeslust bin ich hoffnungslos verfallen. Orte wie der Hofladen in Ernstroda ziehen mich deshalb magisch an: Gereiftes Roastbeef von dort ist aber auch so was von einem Traum?!? Ungesalzen und ohne Pfeffer von allen Seiten kurz und scharf angebraten, anschließend bei 80 Grad im Herd versenkt (ohne Umluft!) und sich drei Stunden in Geduld geübt. Dann wird man mit schier Unglaublichem belohnt, bei dem der Zahn nicht nur tropft. Dass jemanden „das Wasser im Mund zusammenläuft“, gewann übrigens deshalb vor Kurzem bei mir an unglaublicher Bildhaftigkeit.

Geduld aufzubringen, lohnt also. Im Übrigen nicht nur bei Rindfleisch.

Durch das gemächliche Garen bei Niedrigtemperatur werden Kochen und Essen wieder zu einem sinnlichen Ereignis. Die Düfte, die einem in die Nase steigen, lassen die Vorfreude auf die Lust am Genuss wachsen. Nicht, um satt zu sein, isst man dann.

Anzuraten ist aber, keine Leute mit Heißhunger dabei zu haben. Die lassen sich so nicht befrieden. „Hunger macht böse“, ist zum Beispiel die hochgeschätzte Kollegin Anita G. aus E. überzeugt. Und ich schwöre: Sie hat unbedingt Recht. Was sie betrifft, allemal.

Unbenannt 1Das wusste übrigens schon Fred Gertz. Der Texter schrieb einen Song, den Reinhard Lakomy vertonte und im Duett mit Angelika Mann, der „Lütten“, zu Gehör brachte. „Mir doch egal“ erschien 1975 auf Lackys dritter LP, die ich auch hatte.

Meine Lieblingsverse daraus: „Die Liebe und der Suff, das regt die Menschen uff, was macht sie wieder friedlich? Ein Essen, ganz gemütlich!“

In dem Sinne und mit Grüßen an Lacky auf Wolke Sieben habt also Mut zu kleinen Sünden und genießt (nicht nur) den Mittwoch :-)

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

Oscar-Kolumne: Gastfeindschaft

Schwarze Schafe. Die gibt es überall. In Familien. In Firmen. In allen Berufen. Schwarze Schafe verderben den Ruf. Und ist der erst ruiniert … Naja, man kennt das Ende vom Lied.

Besonders tragisch, wenn Schwarzschafigkeit öffentlich ist und Wirkung zeigt. Wie etwa in der Gastronomie. Die ist schließlich ein Gunst-Gewerbe. Dort macht man nur dann Geschäfte, wenn Gäste bewirtet werden. Und weil die sich was gönnen wollen, sollten sie zumindest willkommen sein.

Das hat sich aber offensichtlich noch nicht überall herumgesprochen: Freunden aus Leipzig, die dieser Tage hier waren, ging es jedenfalls so. Sie wanderten vorigen Sonntag von Gotha übern Seeberg. Ohne mich. Als Wander-Muffel zog ich es vor, ein wenig Bürokram zu machen. Ich ließ sie also alleine ziehen – nicht ohne ihnen ein weithin bekanntes Ausflugslokal zu empfehlen. Weshalb sie quasi übern Düppel gezogen wurden

Weil der Frühling über Gotha hereingebrochen war, nahmen die beiden – wie andere – im Biergarten Platz. Weil Sonntag war, hatten sie es nicht eilig. Weil das auch fürs Personal galt, saßen sie nach gut 40 Minuten immer noch da – ohne Karte und ohne Getränke

Sachsen sind gemütliche Menschen – nicht wie Berliner, die weniger Herz, dafür meist mehr Schnauze haben. Deshalb forschten die beiden Sachsen vorsichtig bei mir per SMS nach, ob die Gastwirtschaft tatsächlich eine Gastwirtschaft sei. Um den guten Ruf der Thüringer Gastfreundschaft besorgt, ergriff ich die Initiative und das Telefon.

Der herzigen Dame am anderen Ende fehlten nicht die Worte: Der Saal sei voll. Man stünde zudem nicht herum, würde Pause machen und rauchen. Und in der Küche wäre die Hölle los. Da müsse man sich im Freisitz gedulden. Finaler Höhepunkt: “Nächstens stellen wir eben ‘Reserviert’-Schilder auf den Tisch.”

Was dann wirklich getan wurde und allgemeinen Unmut erzeugte.

Heike und Thomas bekamen zumindest die Karte, bestellten ihre Radler. Als die nach weiteren 20 min. immer noch nicht auf dem Tisch standen, waren selbst nette Menschen am Nachbartisch peinlich berührt und wollten mit ihnen Speis und Trank teilen. Das überraschte die beiden angenehm. Sie lehnten dennoch dankend ab und entschieden, den Ort der Gastfeindschaft zu verlassen. Auch wenn sie sich nun hungrig und durstig auf den Rückweg machten, nahmen sie es sportlich: „Das schadet dann wenigstens unserer Figur nicht“, lautete ihre ironische Facebook-Nachricht. Ich dachte, ich muss im Erdboden versinken …

Wäre Greta, mein süßes Töchting, dabei gewesen, wäre sie vermutlich geplatzt: Selbst seit Jahren im Gast-Gewerbe aktiv, ist sie ein Vorbild an Service und Freundlichkeit. Sogar dann, wenn das „Ratscafe“ in Garmisch aus allen Nähten platzt und die Hütte brennt …

Dass Wiedlings allerdings nicht frustriert nach Hause fuhren, ist anderen Gothaer Gastwirten zu danken. So gönnte Stefan S. den Sachsen, mir und seinem sonstigen „Pub“likum nicht nur irre gutes irisches Bier. Er legte auch noch eine artistische Nummer vorm Schaufenster hin, um seine Gasthütte zu erleuchten.

Und Rino P. gehört nicht nur wegen seiner Mama und deren spezieller Pizza zu meinen Favoriten. Das ist er übrigens für viele andere, weshalb man gut beraten ist, zu reservieren. Was aber nicht heißt, dass man unangemeldet chancenlos wäre. Platz findet sich im kleinsten Restaurant. Wenn man will. Und Gastfreundschaft kostet nichts, im Gegenteil.

Gastfreundschaft ist ein Souvenir des Herzens. Daran erinnert man sich für immer.
An Gastfeindschaft allerdings eben auch.

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Das Wort zum MUTwoch (60): Das Zentrum weiblicher Universen

Kollegin Anita G. aus E. hatte gestern einen repräsentativen Termin. Die Vorsitzende des DJV-Landesverbandes eröffnete die Ausstellung preisgekrönter Beiträge zum Wettbewerb „PresseFoto 2103“. Hessische und Thüringer Bildjournalisten zeigen dabei seit Jahren, warum es unverzichtbar ist, dass Profis am Drücker sind (hier ist der Link auf den Ausstellungskatalog!).
Screenshot TA onlineFriedrichrodas „Berghotel“ und seine charmante Chefin Jaqueline Schambach gewährte den Lichtmalereien der wahren Foto-Grafen schon zum zweiten Mal die Gastfreundschaft.

Kollegin Anita G. aus E.  ist eigentlich immer auf nahezu alles vorbereitet. Dank ihres Fiat Panda. Der ist praktisch, quadratisch und einfach „großartig“, wie das Lieblings-Adjektiv von Anita G. lautet. „Großartig“ deshalb, weil selbst die kleinste Blech-Hütte genügend Platz bietet für diverse Taschen und Rucksäcke mit allerlei technischen und sonstigen Redakteurs- und Reporter-Schnickschnack.

Darüber hinaus lässt sich unter seinem Blechkleid der Inhalt eines – zugegeben kleinen – Kleiderschranks transportieren samt einer repräsentativen Auswahl an Schuhen und farblich perfekt abgestimmten Schmuck-Kollektionen.

Zweifellos gehört sie demnach zum Typus von Frau, die ihr Kraftfahrzeug zur „rollenden Handtasche“ umfunktioniert.

Kollegin Anita G. aus E. vermisste trotzdem gestern etwas. Eine echte Handtasche. Eine für die wesentlichen Dinge, die frau zu einem solchen Reprä-Termin benötigt, Lipgloss, Lippenstift, Geldbörse, Tempos … Und – ganz wichtig! – das Handy!

Frauen und Handtaschen – das ist ein Phänomen, was es zwar noch nicht zu einem eigenen Wissenschaftszweig schaffte. Aber Psychologen und Soziologen sind schon schwer am Forschen: Angeblich verbringen ja Frauen 76 Tage ihres Lebens damit, in ihren Handtaschen nach Dingen zu kramen, die sie gerade mehr oder minder dringend brauchen. 95 % der Frauen in Industrieländern sollen zwischen zwei und 20 Handtaschen besitzen. Italienerinnen sind mit durchschnittlich 60 Exemplaren absolute und unangefochtene Handtaschen-Fanatikerinnen.

Für die (Frauen-)Zeitschrift „Petra“ war vor einiger Zeit die Hamburger Agentur Colibri Research dem Geheimnis der Handtaschen auf die Spur gegangen. An der angeblich weltweit ersten qualitativen Handtaschen-Studie leerten Frauen aus 17 Ländern vor laufender Kamera ihre Taschen und erzählten ihre „Bag Stories“.

Handtaschen. Das Mirakel. Schwarze Löcher weiblicher Selbstverständlichkeit. Abgründe des Alltags. “Fort Knox” des Banalen. Auch ich verspüre Verlangen danach, sie – Frauen, Handtaschen, schwarze Löcher, Selbstverständlichkeiten, Abgründe – zu erkunden.

Taschen_Web_880x416_2AprilJetzt böte sich mir die Gelegenheit dazu – in einer Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum in München. Dort finden sich rund 300 Taschen – „frühe Geldbeutel, Jagdtaschen, Börsen, Handarbeitsbeutel, Reisegepäck und so genannte Pompadours“, wie das Museum wirbt. Gezeigt werden aber nicht nur unterschiedliche Taschen-Typen, sondern auch Gemälde, Skulpturen und grafische Blätter, die einen Teil der europäischen Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert reflektieren.

Einen bemerkenswerten Aspekt zur Ausstellung verriet übrigens augenzwinkernd die Ankündigung: Früher trugen weitaus mehr Männer Taschen als heute. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl Richtung Bekleidungsindustrie ist!?!

Kerle, wer weiß: Vielleicht kommt deshalb die doofe Handgelenktasche wieder?

Habt dennoch Mut und genießt den Mittwoch :-)

(Die Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3  80538 München, ist vom 11. April bis 25. August zu sehen. Öffnungszeiten: die.-so. 10-17 Uhr, do. 10-20 Uhr)

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Das Wort zum MUTwoch (59): „Bei Kilometer 41 war Schluss“

„Ich habe unglaublich viel Glück gehabt!“ Das sagt einer, der aus dem Rennen genommen wurde – das Ziel in Sichtweite. Aber Dietmar Lugauer glaubt man aufs Wort: Der Gothaer lief am Montag beim Bostoner Marathon mit. Bis die Bomben hoch gingen …

Tags darauf ist ihm noch die enorme Anspannung anzumerken: „Das mulmige Gefühl bleibt.“ Dabei fing alles so harmlos an. Vorigen Freitag waren Lugauer und weitere sieben Freunde und Bekannte an die Ostküste der USA geflogen. Es sollte für den Amateur die Premiere beim Boston-Marathon werden. Seit 2008 läuft der 51-Jährige „lange Kanten“. Elf hatte er seither absolviert. „Auf Boston habe ich mich besonders gefreut.”

080107 Raiba Prokura 003Zu fünft kamen sie am Morgen zum Start. Beim Aufwärmen wunderte sich der gebürtige Erfurter: „Da war deutlich mehr Personal, Polizei und Rettungskräfte als bei meinem Start in Chicago.“ Das habe jedoch eher ein zusätzliches Sicherheitsgefühl vermittelt: „Keiner von uns dachte nur im Entferntesten an die Gefahr eines Anschlags …“

Die fünf starteten gemeinsam. Sie blieben auf der Strecke zusammen. Dietmar Lugauer wollte die 42,195 km in vier Stunden laufen. „Ich war aber nicht so gut drauf.“ Deshalb hatte die Truppe nach Ablauf der Zeitvorgabe das Ziel auch nur fast vor Augen. Bei Kilometer 41 fuhr plötzlich ein Pickup auf die Strecke. Männer vom Organisationsteam stiegen aus, stoppten die Läufer. „An sich nichts Ungewöhnliches. Das passiert z. B. auch, wenn ein Rettungswagen passieren will.“ Doch hier endete für alle das Rennen. „Das fanden wir zunächst überhaupt nicht toll …“ Gründe für den Rennabbruch nannte niemand. „Und wir hatten auch weder etwas gehört noch gesehen.“ Die Läufer wurden von der Strecke gebeten. Dann kam das Gerücht auf, es habe einen Anschlag gegeben.

Erst mussten sie ausharren; fast eine Stunde. „Das Warten war nicht leicht – nicht wegen der Ungewissheit, sondern weil wir froren, nichts zum Wärmen hatten“. Zuschauer versorgten sie zwar mit Getränken, boten ihre Handys zum Telefonieren. Aber gegen das Auskühlen hatten sie nichts. Auf Umwegen geleiteten Leute vom Org.-Team die Läufer dann in den Zielbereich. „Unaufgeregt, routiniert. Es gab keine Spur von Panik“, erinnert er sich. Sie holten ihre Sachen, gingen ins Hotel.

Das durften sie abends dann nicht mehr verlassen. Auch dort waren überall schwerbewaffnete Polizisten und Nationalgardisten. „Erst da wurde uns so richtig klar, was hier passiert ist.“ Alle waren unversehrt, alle konnten telefonieren und deshalb Familien und Freunde in Deutschland beruhigen.

„Hätte ich meinen Zeitplan umgesetzt, wäre ich vermutlich mitten in die beiden Explosionen gelaufen.“ Der gebürtige Erfurter, der seit 1992 bei der Raiffeisenbank Gotha arbeitet, sagt das fast 24 Stunden später am Telefon. Lugauers Stimme ist dabei angespannt, wirkt gar nicht so fest, wie er es wohl gerne haben möchte. Aber von seinem Hotelfenster kann er den hermetisch abgeriegelten Zielbereich sehen und die unzähligen Leute von der Sicherheit dort, die die Spuren sichern.

Boston sollte Auftakt für die Lauf-Saison des Vaters zweier erwachsener Töchter werden, deren Höhepunkt eigentlich erst Ende August ansteht: Dann will er mit seinem Partner Andre Schütz den „Transalpine Run“ absolvieren. Das sind 259 km an sieben Tagen, wobei 15.468 Höhenmeter zu überwinden sind.

Nun fliegt die Truppe heute nach Deutschland zurück – keine weiteren besonderen Vorkommnisse vorausgesetzt. Aber nicht nur für Dietmar Lugauer wird ab sofort dieser 15. April kein Tag wie jeder andere mehr sein.

(Ein Text, den die “Thüringer Allgemeine” nicht haben wollte …)

Habt dennoch Mut und genießt den Mittwoch!

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.