1.000 Lebenszeichen: Ende Wut, alles Wut

Ich finde, es ist die schlechteste Wahl aller Zeiten: „Wutbürger“ – so entschied es die Gesellschaft für Deutsche Sprache – ist „Wort des Jahres 2010“. Dem „Spiegel”-Journalisten Dirk Kurbjuweit kommt die Ehre zu, dies Wort erfunden zu haben.

Ich kannte es bis eben nicht. So dürfte es wohl nicht wenigen von uns schreibtischlernden Wortdrechslern und Sprach-Fetischisten ergangen sein; ganz zu schweigen von den meisten der des Lesens kundigen Mitmenschen in diesem Land.

Das besagt wenig.

Aber besser wird „Wutbürger“ deshalb auch nicht. Es mutet an wie die Chimäre aus Anti-„Gutmensch“ und „Weltbürger“. Stuttgart 21 und der Sarrazin-Debatte widmete Kurbjuweit ein Essay und seine Aufmerksamkeit; nachzulesen in Heft 41 des Hamburger Nachrichtenmagazins.

Wut ist eine sehr heftige Emotion, häufig eine impulsive und aggressive Reaktion. Wut ist heftiger als Ärger und schwerer zu beherrschen als der Zorn. Wer wütet, zerstört blindlings. Wer häufig in Wut gerät, gilt als Wüterich.

Ende Wut, alles Wut.

1.000 Lebens-Zeichen: What the f*** is 3G?

Netz. Kein Netz. … So ging’s seit Tagen, wenn ich in meinem Kühlhaus-Büro schreibtischlerte. Merkwürdig nur: Vodafones Hotline kriegte ich immer. Ich machte mir DARÜBER erst keinen Kopf.

Vielmehr nervten die teils dämlichen, teils rotzigen Antworten der Call-Boys. Die Mädels waren übrigen immer nett. Und wenn sie schon nicht helfen konnten, trösteten sie wenigstens …

Kontakt zur Außenwelt lief nur über die Mailbox, die IMMER ranging, alsbald jemand anrief. Danach bekam ich ’ne Info-SMS, hörte die Mailbox ab. Zurückrufen konnte ich meistens. Komisch …

Tipps der Hotline-Heroes: Reset des Telefons; Akku rausnehmen, ohne abzuschalten (macht das mal beim iPhone!); Telefon auf Werkseinstellung zurücksetzen; möglichst nicht zeitgleich zwei Karten betreiben etc. Frust wuchs. Auch, weil Töchtings Vodafone-vernetztes Handy ebenfalls muckte.

Bis mich gestern der Erkenntnis-Blitz angesichts des Antik-Handys meines Weibes traf: Das kann nämlich kein „3G“ empfangen, sondern nur GSM – und funkte fröhlich vor sich hin. Flugs an beiden Geräten UMTS abgeschaltet und siehe da: Alles paletti. Kleinlaut räumte dann einer der telefonischen Frustabweiser ein, dass man wohl „vorübergehend“ wegen des Netzausbaus da die eine andere Schwierigkeit habe.

Merke: Nicht immer ist das Neueste das Beste. Deshalb habe ich auch eines meiner Nokia 6310i wieder ausgegraben. Man kann ja nie wissen …

1.000 Lebens-Zeichen: Leiden lohnt!

15 Grad Minus. Trotz Winterreifen muss das kuschelig warme Auto vorm Feldweg ins weiße Nichts stehen bleiben. Kniehoch der Schnee.

Sch… – Mütze vergessen! Muss die Kapuze vom Fleece-Shirt reichen. Schal um den Hals, Kragen hochgeschlagen, an allen Reißverschlüssen der Lederjacke gezerrt, bis auch deren letztes Zähnchen knirschend „Stopp!“ fleht. Die Fototasche aufgehuckt, Handschuhe an. Ab in die arktische Kälte! 300 m können lang sein. Vor allem, wenn man 30 % weiblich ist, sich sofort aus Händen, Füßen und anderen Körper-Ausstülpungen das Blut zurückzieht. Brauch’ nicht gucken; die Finger sind bald schon so weiß, wie die im Wind wirbelnden Kristalle.

Dann das Objekt der Begierde: Ballstädts Bockwindmühle. Im goldigen Sonnenuntergang glühen die Flügel orange. Stark! Nur: ’s wärmt nicht. Macht aber warm ums Herz. Was für ein Motiv! Die Kamera herausgefingert. Wann kommt die erste mit Sprachsteuerung, damit man auch mit Lammfellfäustlingen knipsen kann? Klick. Klick. Noch eine Perspektive, noch ein anderer Blickwinkel. Dann MUSS es gut sein – wegen zehn gefühlloser Finger plus einfrierender Nase.

Halbe Stunde später, halb aufgetaut und Fotos angeschaut, ist klar: Leiden lohnt!

1.000 Lebens-Zeichen: Satanisches

Ein halber Satan ist auch schon eine ganz schön große Bescherung. Der 333er Fluch schlug gestern bei meinem eher analog agierendem Töchting (siehe „Aus der Art geschlagen“) zu.

Trotz einer gewissen Reserviertheit den Verlockungen des Internets gegenüber, besitzt sie ein Laptop. Und der machte gestern Abend, was er wollte. Also nichts mehr.

Oberlehrer-Papa argwöhnte zunächst Trojaner- oder Virenbefall wegen weiblicher Nachlässigkeit beim Schutz vor solch ansteckenden Grüßen aus dem weltweiten Wundernetz. Hilfreich war das nicht, denn ein toter Rechner ist kein guter Rechner. Also hielt ich angesichts eines, den Tränen nahen Kindes das Maul und betreibe heute morgen die Wiederbelebung des Burschen.

Nebenher entdeckte ich eben jenen 333er Fluch. Demnach gibt es bei Windows 7-Rechnern das Phänomen, dass sie sich am 333. Tag nach ihrer Inbetriebnahme final verabschieden. Der Kaufvertrag ist zwar aus dem Februar; die OEM-Version wurde aber am 3. Januar 2010 aktiviert. Gestern vor 333 Tagen … (bekreuzigt sich)

1.000 Lebens-Zeichen: Aus der Art geschlagen

Digital natives. Die Ent- oder Weder-Generation. Einser oder Nullen. An- oder Ausmacher. Wer nach 1990 geboren ist, zählt dazu. Oder wird dazu gezählt. Es gibt nämlich auch Verweigerer. Tatsächlich! Jungvolk, das nicht internett ist. Das nicht gleichzeitig zwitschert und simst oder facebockig der Welt seine Lust wie seinen Frust ungefiltert und ungefragt hinterbringt, Ich habe in nächster familiärer Nähe ein solch seltenes Exemplar. Sozusagen eine analoge Alternative zur digitalisierten Social Media-Manie. Das Erstaunliche daran ist, dass die junge Dame weder an Kontaktarmut erkrankt ist und auch nicht von ihrem durchaus  andersgearteten, multikanal-kontaktkonformen Freundeskreis wie eine Aussätzige behandelt wird. Kann schon sein, dass es an ihrem Job liegt. Wer sich ums gastliche Wohl anderer kümmert, ist zumeist fix und foxy, kommt er nach Hause. Allerdings schreibt die Süße noch keine Briefe … Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

1.000 Lebens-Zeichen: Wickie leakt die starken Männer

Vicky Leandros aka Wikileaks hat endlich offengelegt: Theo fuhr nicht nach Łódź. Theo war gegen den Rest der Welt. Außerdem heute: Hausärzte warnen – Dauerhaftes Aufdecken kann zu Erkältungen führen. Und schließlich: Julian Assange ist eine Reinkarnation von Hans Christian Andersen. Der Beweis: Transparenz total gab es schon 1837 mit “Des Kaisers neue Kleider”. Dänen lügen nie …

Daher kann man auch einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen. Mindert Kriminalität – Klauen wird unmöglich. Logische Konsequenz: Bundesregierung fordert anstelle von Datenvorratsspeicherung Kontakt-Striptease.

Wenn niemand mehr etwas geheim hält, kann auch keiner nichts enttarnen. Prompter Sparvorschlag von Rollstuhl-Rotstift Schäuble: Geheimdienste in die Produktion! Da waren wir Ossis schon mal deutlich weiter. Und nicht nur, weil wir in Dresdens Hygiene-Museum eine gläserne Frau stehen hatten. Renft, inspiriert davon, dichtete: „Bleich und uferlos, liegt die Liebe bloß…“

1.000 Lebens-Zeichen: Flockiger Terror

Ein Wetterphänomen hat Deutschland im Griff. Überlieferungen aus dunkelster Zeit kennen ihn, den Winter. Gefrorener Regen fällt dann vom Himmel, heißt Schnee. Die Temperaturen bleiben dauerhaft unter 0° Celsius. Bislang hielten Experten dies als Beleg für eine Eiszeit. Dabei kämpfen wir doch mit „global warming“?! Die Bundesregierung stellt heute ihre Initiative für einen neuen EU-Rettungsschirm vor: Mit Milliarden sollen neue Kohlekraftwerke gebaut werden, um den CO2-Ausstoß beschleunigen zu können. Uneigennützig hat eine fraktionsübergreifende Initiative im Bundestag angekündigt, so lange so viel heiße Luft wie möglich zu erzeugen. Der Bundes-de Maizière warnt hingegen: Eine Terrorgruppe unter „General Winter“ (Fahndungszeichnung: BKA) habe es auf den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat abgesehen. Plötzlich und massenhaft tauchten deren Anhänger auf; erkennbar daran, dass sie völlig vermummt seien. Berlins Innensenator Körting rief auf, Fotos und Adressen solch „seltsamer Menschen“ auf Wikileaks zu veröffentlichen.

1.000 Lebens-Zeichen: KonsumTerrorTheorie

32 Tage bis Heiligabend! Sakra! Sonst klugscheiße ich Wochen vorher Freund & Feind zu, dass sie daran denken mögen… Dieses Jahr ist’s eben alles anders. Und das, obwohl gleich mehrere Ausgaben des Weihnachtsmanns twittern und sich auf Facebook herumtreiben. Diverse Mailabsender suchten in den letzten Wochen, Versand-Händel zu beginnen. Doch selbst noch so verlockend Klingendes weckte keine Begehrlichkeiten.

Bloß de Maizière hat es geschafft. Hätte er doch bloß nicht öffentlich ’rausposaunt, dass Al Kaida den Reichstag stürmen und Geißeln nehmen will?! Jetzt sind Bin Ladens Jungs sauer, weil sie bis Ende November – so lange geht nämlich die Terror-Saison in Deutschland laut unserem Innen-Maizière – was anderes aushecken müssen.

Ich überlege jetzt, ein Erstes-Antiterror-Set zu beschaffen: mit dem nachrichtendienstlich-korrekten Erkennungsbuch „Seltsame Menschen“ von Berlins SPD-Innensenator Erhart Körting, Ent-Zündungssalbe, Geisel-Haftcreme und Ersatz-Handy, damit ich meinen Standort twittern kann.

 

1.000 Lebens-Zeichen: Rüder Rüffel

Roland Tichy provoziert: Der Chefredakteur der “Wirtschaftswoche” legt sich mit seiner Zunft an. In einem Interview mit der aktuellen Ausgabe von “Horizont” behauptet er, Journalisten würden über den Verlust ihrer Deutungshoheit die Gegenöffentlichkeit im Netz ausblenden.

Immer noch hingen sie einem “unausgesprochen vorhandenen” Selbstbild nach, wonach sie “die Bevölkerung lehren und leiten” sollen. Tychcy meint, diese “angemaßte Autorität” habe der Journalismus längst durch neue Formen des Austausches verloren.

Zudem spottet Tychcy, dass Journalisten, die bloggen oder auf Facebook aktiv seien, dies häufig “nur der Selbstbespiegelung” wegen machten.

Nicht wenige seien “fast ein bisschen autistisch”, Bekämen sie keine Bestätigung, betrieben sie “Helikopter-Journalismus” – würden Artikel wie eine Bombe abwerfen und dabei “wahnsinnige Verwüstung und Betroffenheit” hinterlassen, ohne sich der Diskussion zu stellen.

(Kurzversion des Interviews hier online – das vollständige Interview ab Seite 16 in der aktuellen “Horizont”!).

 

1.000 Lebens-Zeichen: Die Innen-Maizière

Unser Innen-Maizière warnt: Noch im November drohen Anschläge in Deutschland! Bekam wohl auf seiner Facebook-Fanpage von befreundeten Schlapphüten den Tipp. Diese bedrohliche Botschaft nehm’ ich wirklich ernst und mir zu Herzen. Hab meine Nachbarin gefragt, wann sie ihren Flugschein macht. Gar nicht, sagt sie. Gut so! Muss ich also auch nicht unterm Sofa nach Al Kaida suchen. Man weiß schließlich, dass sie vor allem in Deutschland gutnachbarlich unerkannt untertauchten. Mein Lieblings-Sizilianer, ein paar Meter weiter, fliegt auch erst zu Silvester mit Mama nach Hause. Und mein bester Kalabrese, den ich habe, spottet über Berlusconi. Bedeutet: Weder Mafia, noch ‘Ndrangheta sind besorgt. Gewisse Entspannung macht sich breit. Bis morgen: Dann sehe ich nämlich im Kaufland oder im Herkules die Einkaufswagen karrenden Deutschen, Berge von Lebensmitteln hortend. Das macht mir klar: Unser Innen-Maizière muss doch Recht haben. Nur: Deutschland droht kein Terror. Deutschland droht eine Hungersnot.