Oscar-Kolumne: Gegen den Trend

Platz war knapp. Frische Luft deshalb zuweilen auch. Dennoch war’s ein gutes Zeichen. Klingt komisch? Ist aber so …

Im „Hotel am Schlosspark“ stellte sich jüngst das Kandidaten-Quartett zur Wahl des Gothaer Oberbürgermeisters am 22. April. Es kamen weitaus mehr Interessierte als vermutet und Stühle im Tagungsraum unterzubringen waren. So blieben einige draußen und dennoch dabei. Dank offener Türen zum Flur, die im Nachhinein wie ein gutes Omen wirkten.

Denn die Debatte war offen. Geladen hatte dazu Otto Eismann namens des hiesigen BVMW-Zirkels – des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. Axel Eger und Maik Schulz nahmen Amtsinhaber Knut Kreuch (SPD), Matthias Kaiser (CDU), Alexander Linß (parteilos, nominiert von Die Linke) und Dietrich Wohlfarth (Freie Wählergemeinschaft) in die Zange. Optisch wie rhetorisch – auch wenn dies akustisch zuweilen wegen fehlender Lautsprecher auf der Strecke blieb. Leisetreter waren der TA-Redaktionsleiter und der Ober-„Oscar“ jedenfalls nicht.

Die BVMW-„Wahlbausteine“ setzten die Themen: Haushalt, Arbeitsmarkt, Fachkräftemangel, Förderung von Familien und Bildung, Energie und Umwelt, Bürgernähe und Entwicklung der Infrastruktur.

Ganz klar: Die viere waren nicht die Musketiere. So sprach deshalb keiner für alle. Es stürzten sich aber auch nicht alle auf einen, war der anderer Ansicht.

Erfahrung in Politik und Verwaltung, sonore Stimme und selbstbewusstes Auftreten – das bestimmte, wie sich Kreuch präsentierte. Dietrich Wohlfarth trumpfte mit Kompetenz, konterte gelegentliche Unschärfen des Amtsinhabers. Matthias Kaiser wagte Unpopuläres anzusprechen wie etwa die Struktur „freiwilliger Leistungen“. Und Alexander Linß zeigte, dass gutes Polit-Entertainment kein Klamauk ist, kann man dem Akteur abnehmen, dass er zu seinen Überzeugungen steht.

So verschieden die Ansichten, so unterschiedlich die Art der Präsentation, so gegensätzlich zuweilen die Vorstellungen von Wunsch und Wirklichkeit im Gothaer Gemeinwesen: Auf mich wirkten alle vier glaubwürdig, couragiert und ehrgeizig genug, das Amt auszufüllen (hier geht es zum 80 min. langen Videomitschnitt!)

„Sagen, was man denkt. Tun, was man sagt. Und sein, was man tut.“ Ein hehrer Anspruch Alfred Herrhausen (1930 – 1989), des ermordeten Vorstandssprechers der Deutschen Bank, dem er sich nach eigenen Bekunden stellte.

Dieses Bonmot fiel mir ein, als ich über die Reihen des Publikums blickte, mich an diverse Debatten in Leserbriefen oder in Facebook-Foren erinnerte: Genau! Wie ist’s mit uns? Mit uns Wahlvolk?

Sagen wir, was wir denken? Tun wir das, was wir sagten? Und leben wir tatsächlich im Einklang mit dem, was wir tun oder auch unterlassen?

Meine Mai-Kolumne im „Oscar am Freitag“ nach der Wahl vor sechs Jahren endete:
„Uns allen täte Politik gut, die jeden angeht und nicht nur alle betrifft.“

Das würde ich heute nicht mehr so schreiben. Weil ich inzwischen präziser formuliere:
„Gute Politik ist, bei der jeder mitmacht, weil sie dann auch alle betrifft.“

Es scheint das Leichte, was so schwer zu schaffen ist: Dabei fängt es mit einem Sonntagspaziergang am 22. April an. Bewegung tut schließlich oft Not, aber auch gut. Außerdem bekommt keiner Kreuz-Schmerzen vom Ausfüllen des Wahlscheines. Wir geben auch nicht unsere Stimme ab, sondern erheben sie. Und schließlich erwirbt ein jeder von uns so das legitime Recht, die Auserkorenen dann an ihren Taten zu messen.

1994 absolvierten 66,0 % der Wahlberechtigten den ersten Urnengang. Zur Stichwahl rappelten sich 43,4 % auf.

2000 lag die Beteiligung nur noch bei 46,0 % im ersten Durchgang und bei 42,7 % im zweiten.

Beim Durchmarsch von Knut Kreuch vor sechs Jahren, als er auf Anhieb die absolute Mehrheit holte, erhoben gerade einmal 42,3 % der Gothaerinnen und Gothaer ihre Stimme.

Demnach bevölkerte die Residenzstadt eine schweigende Mehrheit!? Das will ich nicht glauben, denn sprachlos sind diese Vielen nicht. Auch die eingangs erwähnte Runde steht dem entgegen.

Gegen den Trend bin ich mit Begeisterung.
Gegen den Trend sind meist auch die Goth’schen.
Gibt es also eine respektable Wahlbeteiligung – gegen den Trend?

Ich setze darauf.

(Kolumne für “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, erschienen am 30. März 2012)

Oscar-Kolumne: Gaaaanz großes Kino!

Auf die 2012er „Bambis“ macht niemand mehr Jagd. Die „Goldene Hennen“? Danach kräht kein Hahn mehr. Auch die „Bären“ sind erlegt. Nur noch die goldigen Jungs, die „Oscars“ stehen aus. Bis Sonntag …

Ich bin kein Cineast, halte mich auch nicht dafür. Im Gegensatz zu anderen Schreiber- und sonstigen Medien-Sonderlingen. Trotzdem würde ich gern einen Preis vergeben. Mit gewisser Logik und bezogen auf meine publizistische Bütt, halt einen „Oscar am Freitag“: Für „Uwe Walther in Fahrt“.

Deshalb, weil der Landratskandidat der SPD Originelles wagt, eine Videoserie zur 2012er Kommunalwahl veröffentlicht. Das ist neu, kreativ, sehenswert.

Zum einen sind es keine verwackelten Privatfilmchen à la „Omas 65. Geburtstag“. Dafür legte ein Profi Hand an, der sonst fürs „Thüringen Journal“ arbeitet.

Zum anderen: Da wurde richtig Gehirnschmalz investiert. In vier thematischen Filmen – drei weitere soll es geben – von maximal zwei Minuten Länge gibt Walther Auskunft, wer er ist und was er will.[1]

Dabei löffelt er die Suppe aus, die er sich selbst einbrockte. Redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: Nicht staatstragend. Meist verständlich. Manchmal etwas ums Eck.

Ein glückliches Händchen hatte es da, das Sonntagskind. Denn an eben einem solchen Tag Anfang Juli vor 50 Jahren tat Walther seinen ersten Brüller.

Apropos: Zum Brüllen komisch fanden Netznomaden eine Parodie seines Wahlspots „Landkreis Bewegen!“ Kaum war der online, hatte ein Kreativling mit nicht nur feiner Ironie den Clip in die digitale Mangel genommen.[2] Es ehrt Walther, dass er dies mit Humor nahm. Aber selten war ein Herausforderer so herausfordernd.

Da halten sich andere bedeckt: Von Konrad Gießmann gibt es auch so etwas wie ein Video – eine Reihe offizieller Fotos von Landratsterminen.[3] Seine Wahlhelfer kündigten aber an, dass es nach offiziellem Wahlkampagnen-Auftakt am 7. März heißt: „Das Imperium schlägt zurück“ -  um im Kino-Slang zu bleiben. Gießmanns Homepage hingegen ist informativ. Sein Team sammelt fleißig Fürsprecher, die sich dort und auf Facebook finden.

Die anderen derzeit bekannten Aspiranten auf den begehrten Stuhl in Gothas 18.-März-Straße 50 sollten zulegen: Von Steffen Fuchs (Bündnis 90/Die Grünen) ist außer knappen Zwischenrufen in Gothas Facebook-Gruppen bisher kaum etwas zu vernehmen. Gut, schließlich wurde der Schatzmeister des Kreisverbandes erst am 23. Februar offizieller Kandidat. Bemerkenswert allemal: SPD und Grüne sind im Kreistag eine Fraktionsgemeinschaft. In Sachen Landratswahl macht aber jeder sein Ding.

Da ist die FDP konsequenter: Deren Kreisräte Torsten Köhler-Hohlfeld und Jürgen Ehrlich fanden sich jetzt zur Fraktionsgemeinschaft mit der CDU. Kreisvorsitzender Köhler-Hohlfeld begründete dies so: Man wolle das bürgerliche Lager stärken und um „einen Landrat der SPD zu verhindern“, verzichtete man auf einen eigenen Kandidaten (TA, Lokalausgabe Gotha, 3. Februar).

Der parteilose Ottokar Luhn geht für DIE LINKE ins Rennen. Der 59-jährige war bis 1996 Fuhrunternehmer. Er hatte dann diverse Jobs, ist nun arbeitslos. Seine politischen Ansichten gibt er als Chefredakteur der Online-Zeitung „Artikel Eins“ preis.[5]

Der Name bezieht sich auf den ersten Satz des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das hindert den NVA-Oberstleutnant a. D. nicht, Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder, Wolfgang Clement (SPD), Ex-VW-Personalvorstand Peter Hartz, Thilo Sarrazin, den Chemnitzer Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Friedrich Thießen oder den Publizisten Prof. Gunnar Heinsohn als „Volksfeinde“ zu verunglimpfen. Das ist „Lingua Tertii Imperii“ – Sprache des Dritten Reiches. Vom Kandidaten der LINKEN, der Partei, die sich in der Tradition der Antifaschisten sieht? Victor Klemperer rotiert im Grab …

(Kolumne für “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, erschienen am 24. Ferbuar 2012)

“Oscar”-Kolumne: Gotha – the small apple

Wir vom “Oscar” sind frech. Kannste glauben!

Und unser „Oscar“ ähnelt ein wenig dem berühmten Ferrero-Überraschungsei: Er bietet Ihnen Spannendes, manchmal was zum Spielen und sollte auf Sie wirken wie Schokolade – süchtig machen nach mehr und glücklich dazu!

Ich für meinen Teil schätze vor allem die spannenden Geschichten. Nun berichtet zwar aus Mangel an A-, B- und sogar C-Prominenz (sorry, lieber Knut …) selten die Zeitung mit den vier großen Buchstaben über Gotha. Auch laufen kaum RTL- oder „Brisant“-Teams, DSDS-, „Superstar“-Scouts oder Dschungelcamp-Kämpen hier alle Nase lang herum. Was Schlagzeilen in der weiten Welt wert wäre, findet eben nicht statt.

Und ich fürchte, das wird sich auch im Juli nicht ändern. Google findet zwar „ungefähr 2.800 Einträge“ für „Thüringentag 2011“ und damit 750 mehr als für den vergangenen, 13. „Wir feiern uns im Freistaat mal selbst, weil ja sonst uns keiner feiert“-Tag. Wenn das mal kein Omen ist …

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“Oscar”-Kolumne: Der Wulff und die 185 Geiseln

Stefan Winterbauer zog unlängst auf meedia.de eine „verkorkste Medien-Bilanz des neuen Bundespräsidenten“ Christian Wulff: Hängepartie bei der Wahl, unglücklicher Auftritt zur Fußball-WM, Mallorca-Urlaub in der Villa eines Industrie-Spezis, dubiose Rolle beim Sarrazin-Deal, Ermittlung wegen illegaler Wahlkampfhilfe. Zuletzt eine „Stern“-Umfrage: Nur 44 % des Volkes seien „zufrieden“ mit seiner Amtsführung.

Eine deprimierende 86-Tage-Bilanz, nicht? Dabei deckte Winterbauer noch den Mantel des Schweigens übers „Desaster von Gotha“. Weiterlesen

“Oscar”-Kolumne: Salam aleikum

Mir ist manches wurscht. Etwa, ob Bayer Leverkusens brandneuer Ball-Bube Ballack die berühmte Binde trägt oder der Bayern-Bursche Lahm.

Aber schon lange ist mir meine Wurscht nicht mehr wurscht. Mindestens seit 15. Oktober 1990, meinem ersten Tag hier im rustikalen Residenzstädtchen. Da verschlug es mich Schreiber-Frischling nach kurzem Gastspiel aus dem Eichsfeld in die Hauptstadt der Genüsse, der verwursteten.

Nicht, dass etwa die Eichsfelder Stracke nicht gemundet hätte! Ich meine, mich aber zu erinnern, dass ich schon am ersten Tag in Diensten der TA nahe des Rathauses etwas (Außer-)Ordentliches zwischen den Zähne kriegte.

Während – ebenfalls an einem Oktobertag! – Jahrzehnte zuvor die einen, von revolutionärem Enthusiasmus getrieben, ins Winterpalais stürmten, stürmte ich aus einem solchen hinaus. Die in Petrograd damals, die traten an, die Welt von den Ausbeutern befreien. Mich hingegen trieben nur niedere Instinkte. Ich hatte Knast, wollte nur meinen knurrenden Magen befrieden. Weiterlesen

“Herr Goebbels”

Gelegentlich schrieb ich schon darüber, dass ich meinem Freund Maik S. einen Gefallen tue. Einen publizistischen. Ich kolumniere in seinem “Oscar am Freitag”.

Das tat ich auch diesmal unter dem sicherlich provokanten Titel “Reichsparteitag” (kann man auch hier im Blog nachlesen).

Wie das bei Kolumnen üblich ist, ziert sie mein Konterfei. Aus Eitelkeit allemal. Mehr aber noch aus meinem Selbstverständnis, dass der, der sie liest, sich auch ein Bild von dem machen sollte, der sie absondert.

Einen gewissen Wiedererkennungseffekt in unserem geruhsamen Städtchen – und auch ein paar Autominuten darüber hinaus – genieße ich dadurch und ebenso aus dem Umstand, dass “der Aschenbrenner” einst über etliche Jahre das großmäulige, respektlose Frontschwein für die “Thüringer Allgemeine” gab.

Der “Oscar” samt “Reichsparteitag” erschien am Freitag. Gestern Nachmittag klingelte nun das Handy. Eine lokalkolorierte Mannes-Stimme wünschte, ich möge doch zu den Kanaken ziehen. Ehe ich für den Tipp danken konnte, hatte er aufgelegt.

Die SMS eine halbe Stunde später richtete “Herrn Goebbels” aus, er möge sich dafür schämen, dass er seine DDR-Schulbildung vergessen habe und jetzt im braunen Sumpf geendet sei. Dem Absender werde ich dieser Tage antworten, weil er wohl eher unabsichtlich seine Handy-Nummer mit übertragen hat.

Beim Einkaufen meinte die “Kaufland”-Kassiererin, sie habe sich auch über die ZDF-Sportfrau aufgeregt. Und – das verwunderte mich dann doch noch mehr – sie finde das gut, was ich in meinem Blog wegen “der Emmely” geschrieben habe …

Ich bin stolz.

Nicht, weil andere sich Zeit nehmen, das zu lesen, was ich fabriziere. Sondern, dass sie davon angeregt zu werden, zu reagieren. Ist das doch ein Zeichen, dass es über Ballacks Knöchel und Cacaus Bauchmuskel oder die Tätowierung der künftigen Bundes-Bettina Wulff hinaus Dinge gibt, für die sich Menschen in diesem Land interessieren.

P.S. Um an die “Reichsparteitag”-Kolumne anzuknüpfen – auch “Frontschwein” ist nicht Nazi-Jargon, sondern der der deutschen Soldaten in den Schützengräben der beiden Kriege des vorigen Jahrhunderts …

“Oscar”-Kolumne: Reichsparteitag

Wie wird eine Fußballmannschaft unbesiegbar? Durch jüdische Stürmer. Die dürfen nicht verfolgt werden …

Sie lachen nicht? Können Sie aber. Dieser Witz ist koscher. Weil ihn der jüdische Komödiant Oliver Polak erzählt. Polak (Jahrgang 1976) macht seit 2006 „Stand up“-Comedy, sein aktuelles Programm heißt „Jud süß-sauer“. Auch das hat sein Aufwachsen als deutscher Jude im norddeutschen Papenburg zum Thema, befasst sich selbstironisch mit dem Verhältnis von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen (hier ein 7 min.-Video von Polaks Lesung 2009 aus seinem Buch “Ich bin Jude – ich darf das”). Beispiel gefällig? „Lassen Sie uns unverkrampft miteinander umgehen: Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust. Und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“ Weiterlesen

“Oscar”-Kolumne: Lasst! Uns! Leben!

Griechenland kostet uns Milliarden. Das taten schon die Banken und Eyjafjallajökulls Aschewolke.

Westerwelle warnt vor Rot-Grün-Rot in NRW. Zu Guttenberg vor weiteren deutschen Toten in Afghanistan. Und Astrophysiker Stephen Hawking vor Aliens: Die Menschheit möge sich still verhalten, weil die – uns Menschen ähnlich – sonst kämen, um zu plündern und zu zerstören.

Willkürlich Wiedergabe aktueller Schlagzeilen. Gelesen in beiden hiesigen Tageszeitungen, zum Frühstück. Gefunden auf „Spiegel Online“, dem Nachrichtenportal, dass mich an Tagen wie diesen, an denen ich schreibtischlere, mit dem weltweit Wichtigsten aus der weiten Welt versorgt.

Doch ist es tatsächlich das, was mich betrifft, mich bewegt?

Wohl eher nicht. Deshalb, weil es meist weit weg geschieht, selten spürbar mein Leben beeinflusst und sich kaum durch meinem Zutun ändern würde.

Außerdem schwillt – gefühlt täglich! – die Flut von Informationen an.

Ein Zurück gibt es aber nicht. Nicht einmal, würden wir uns 2010 so benehmen, wie jene französischen Landarbeiter, die – um dem technischen Fortschritt Paroli bieten zu wollen – in die neumodischen Mäh- und Dreschmaschinen ihre Holzschuhe (französisch: sabot) warfen.

Wohl kann der Einzelne „Sabotage“ am Informations- und Kommunikationszeitalter betreiben: Verweigerung geht immer. Und selbst wenn uns „Ossis“ bundesdeutsche Richterrobenträger keinen Status als eigenen Volksstamm zubilligen: Hier beherrscht(e) man besonders gut die Kunst, sich in private Nischen, auf Datschen und in verschworene Freundeskreise zurückzuziehen.

Das hatte natürlich zunächst andere Gründe.

Dass das sich aber heute nicht mehr so ausgeprägt, bedauert schon wieder mancher.

Ab und an hocke ich in meiner Lieblingskneipe. Schon beim Reinkommen heißt es: „Und? Was gibt’s Neues?“ Denn außer Speis’ und Trank handeln Wirtsleute eben auch mit Nachrichten, Klatsch & Tratsch.

Der Soziologe Christian Schuldt spricht letzterem gar zu, „Motor der menschlichen Evolution“ zu sein. Denn geklatscht wird in kleinen Gruppen, im sozialen Netzwerk en miniature quasi.

Deshalb tue man das seit Menschengedenken. Von den alten Ägypter ist Klatsch in Hieroglyphen überliefert. Im Mittelalter wurde an Waschplätzen schmutzige Wäsche (!) gewaschen. Unsere Vorfahren trafen sich am Brunnen vor dem Tore, unterm Lindenbaum. Dort – beim Wasserholen – funktionierte die Nachrichtenbörse. Man wusste voneinander und übereinander Bescheid. Das verband.

Trotz Internet, Radio, Fernsehen, Tageszeitung, Telefon und Fax kennen wir heute manchmal nicht einmal mehr den Namen unseres Nachbarn.

2007 gaben Aschenbrenners ihr kleines, kuscheliges Waltershausen für das aufregende, pulsierende (Groß-)Stadtleben in Gotha auf. Wir landeten im niedlichsten Dorf in Gotha-City – im „Mönchelshof“. Damals lobpreiste ich an dieser Stelle die wiederholt stattfindenden Hof-Partys. Doch nachdem Frank, der ungekrönte Grill-König, samt Familie fortgezogen ist, droht die schöne Tradition einzuschlafen.

Hoffnung macht, dass wir Nachbarn uns vor kurzem bewiesen, dass wir immer noch schön spontan sein können. Ich lernte dabei übrigens ganz nebenher – durch raffinierte Anordnung verschiedensten Grillgutes und dem strikten Verfolgen des davon vorgegebenen Zeitregimes – auf meinem kleinen „Thüros“ und seinen 1.225 Quadratzentimetern Rostfläche zwei Dutzend hungrige Mäuler zu stopfen. Nebenbei rückte später an diesem immer noch sehr frischen Samstagabend die Nachbarschaft auf und kuschelte um meinen wohlig-warmen Arbeitsplatz.

Apropos heiß: Der isländische Name „Eyjafjallajökull“ bedeutet gut deutsch „Inselberge-Gletscher“. Seine Südflanke und die dortigen kleineren Berge zu Fuße des Gletscher heißen „Eyjafjöll“ – deutsch „Inselberge“.

Kommt einem das ach so ferne Island nicht plötzlich ganz heimisch vor?

(Kolumne für “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, erschienen am 30. April 2010)

“Oscar”-Kolumne: Vielfalt adé

„Wenn ich zu wählen hätte zwischen einem Land mit einer Regierung, aber ohne Zeitung, und einem Land mit Zeitung, aber ohne Regierung, dann würde ich mich für das Land ohne Regierung entscheiden.“
Thomas Jefferson (1743 – 1826)

Ich teile Jeffersons Ansicht. Ich habe aber noch keinen Plan, was ich nach Ostern tun werde. Dann endet nicht nur die Fastenzeit, sondern auch die Ära der Presse- und Meinungsvielfalt in Gotha.

Ab 6. April ist’s für die Lokalredaktionen der TA und der TLZ vorbei mit der Phase der Freiwilligkeit, Artikel und Fotos auszutauschen, wie es seit 1. März ab und an schon der Fall war.

Das bemerkten nicht nur jene, bei denen – wie bei mir – beide Zeitungen allmorgendlich auf dem Frühstückstisch liegen. Vor Ort kennt man Namen und Gesichter jener, die das tägliche Lesefutter beschaffen. Da fällt „Fremdgehen“ auf.

Gotha ist kein Einzelfall. Auch anderenorts ist’s vorbei mit journalistischer Unabhängigkeit und konkurrierendem Buhlen um die Leser.

Ich bin sicher: Die Geschäftsführer der „Zeitungsgruppe Thüringen“ (ZGT), Schrotthofer und Jaschke, wie die Chefredakteure Raue und Hoffmeister, verkaufen uns diesen Einheitsbrei als neue Stufe des Qualitäts-Journalismus. Und damit die Leser für dumm.

Vielfalt soll bringen, dass nur noch ein Redakteur offizielle Termine absolviert. Der andere recherchiert exklusive Geschichten, die er nicht mit dem verschwägerten Konkurrenz teilen muss.

So weit die Theorie.

Aber dies Tausch-Geschäft ist nur eines von vielen, die mit großem Engagement im Auftrag der ZGT die Zentralredaktionen betreiben. Parallel entstehen in Erfurt und Weimar neue Strukturen. An „Newsdesks“ sollen alle Lokalausgaben produziert werden. Dafür braucht man Leute, die – auch wieder „freiwillig“ – aus den Lokalredaktionen kommen. Die „Ostthüringer Zeitung“ arbeitet so schon länger. Zehn Redakteure hatten OTZ und TLZ in Jena. Heute sind es noch sechs.

1 + 1 = 2. Das haben wir in der Schule gelernt. Aber aus Sicht der Pressefreiheit und Meinungsvielfalt geht diese Rechnung eben nicht auf.

Nüchtern betrachtet, wirft uns das in Thüringen um zwanzig Jahre zurück. Weiterlesen

“Oscar”-Kolumne: Über Gewichtiges

Meinen Freund Maik (die Edel-Schlampe…) und mich – uns eint mindestens zweierlei. Und das schon seit etlichen Jahren:

1. sind wir mit Leib und Seele Schreiberlinge.

2. mehr oder minder übergewichtig.

Doch während Maik seinen Fight mit den Pfunden wiederholt und öffentlichkeitswirksam zum Gegenstand von Wetten machte, kämpfe ich einen eher stillen Kampf gegen die Kilo. Was schlussendlich aber ebenso erfolglos blieb wie die wilden und wagemutigen Wettorgien des Ober-Oscars.

Ist schon ein Elend! Wir zwei beiden sind aber auch keine Kostverächter und offensichtlich extrem gute Futterverwerter. (Und wieso geht mir bloß der blöde Spruch nicht aus dem Kopf, demzufolge ein guter Hahn selten fett wird???) Weiterlesen