Lesen lohnt – immer noch

Ich habe heute fast drei Stunden Zeitung gelesen … Ohne zu merken, wie die Zeit verging. Welche Lust!

Seit drei Tagen läuft mein Probe-Abo der “Süddeutschen Zeitung”. Seit drei Tagen nährt sich meine Hoffnung, dass es doch eine Zukunft für guten, Hand gemachten, gedruckten Journalismus gibt.

Der Unterschied zu meinen beiden (!) abonnierten Tageszeitungen TA und TLZ (für zusammen 43,80 Euro im Monat) ist gewaltig. Das macht nicht nur das größere, wenn auch deshalb etwas unkomfortablere Format. Das macht auch nicht die nahezu doppelte Seitenzahl.

Das machen die exklusiven Geschichten.

Allemal findet sich auch das, was der Nachrichten-Mainstream in die Redaktionen spült. Aber spürbar sorgfältiger gewichtet, aussortiert, aufbereitet.

Das immense Plus zum bisherigen kargen Morgen-Mahl besteht in den vielen kleinen, auch größeren “Erzählstücken”. Sie bringen den Zusammenhang, den ungewohnten Blickwinkel. Die originelle Ansicht, Meinung.

Warum das Urteil des Erfurter Bundesarbeitsgerichts für “Emmely” falsche Prämissen setzt (ich war stolz auf mich, dass nicht nur ich das so sehe!) Wieso der Hype ums Gold ein Irrweg ist. Oder die wehmütig-witzige, analysierende Abrechnung von Jens Bisky mit dem Kommunismus.

Das kommt eben raus, wenn Leute mit Hirn und Herzblut Zeitung machen. Machen dürfen. Das könnte man aber auch in Weimar. In Erfurt erst recht. Das Raue-Zeiten so raue Zeiten für mein Blatt TA werden würden, hatte nicht einmal ich befürchtet.

Aber eine Zeitung wird nicht nur deshalb mies, weil der Chefredakteur kein tragfähiges Konzept hat. Sie wird auch mies, wenn’s die Redaktion ist. Mies drauf. Mies motiviert. Missmutig allemal.

Ich weiß aber trotzdem schon jetzt, was ich am Ende des SZ-Selbsttests machen werde. Nämlich weder beide, noch eine der regionalen Tageszeitungen abbestellen. Noch gibt es eben keine echte Alternative zu deren Pfund, aus der Region zu berichten. Mich interessieren solche Botschaften eben – und nicht nur, weil ich hier mein Geld verdiene.

Muss mal kalkulieren, ob ich mir die SZ dazu leisten kann … – quasi als Belohnung, als Zuckerl, der das Rückgrat stärkt, weiter den Traum zu leben.

Dass dieses Land guten, Hand gemachten und gedruckten Journalismus braucht.

Gute Nacht!

82 % der Deutschen meinen, Lokal- und Regionalzeitungen seien unverzichtbar. Das besagt zumindest die aktuelle Studie “Zeitungsqualitäten 2010″. In Auftrag gab sie die ZMG – die Zeitungs Marketing Gesellschaft – mit Sitz in Frankfurt am Main. Das ist die zentrale Marketingorganisation der Zeitungen und Zeitungsgruppen in Deutschland.

Die Zeitungen führten demnach vor dem Internet, gefolgt vom lokalen Hörfunk sowie den kostenlosen Anzeigenblättern.

Schon erstaunlich, so ein Resultat. Schade nur, dass die Vermarktungs-Genies in eigener Sache nicht verraten haben, wie viele “Deutsche” sie befragten. Denn “die Deutschen” gab es noch nie. Nicht einmal in Sachen Tageszeitung und deren Wertschätzung.

Tägliches Erleben ist nämlich anders. Die unabhängige IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V.) hat aktuell ermittelt, dass von deutschen Tageszeitungen einschließlich der Sonntagsausgaben und aktuellen Sonntagszeitungen im 4. Quartal 2009 gerade noch durchschnittlich pro Erscheinungstag 22,85 Mio. Exemplare verkauft wurden. Zehn Jahre zuvor waren es noch reichlich 6 Mio. Exemplare am Tag (!) mehr. Mehr Erhellendes auf den Seiten der IVW findet sich hier!

Es sind aber hausgemachte Gründe: Qualität im Journalismus kostet. Wer freien Journalisten zehn Cent pro gedruckte Zeile anbietet oder 5 Euro fürs Foto, bekommt Wurschtiges und gibt deshalb am Ende solche Wurstblätter heraus, für die niemand mehr 25, 30 Euro im Monat zahlen will.

Der mediale Quickie mit BILD fasziniert zwar auch nicht mehr ganz so viele. Aber reichlich 3 Mio. Deutschen am Tag reicht er.

Fazit:

Liebe Zeitungsverleger, eine nette Dampfplauder-Maschine habt Ihr da mit der ZMG. Lügt Euch weiter in die Tasche, bis auch der letzte Leser die Schnauze voll hat. Ihr treibt dadurch immer mehr Schreiberlinge ins Internet.

Offensichtlich seid Ihr so in Sparwut und Dividendenwahn, dass Ihr nix mehr merkt: Ihr sägt Euch nicht nur den Ast ab, auf dem Ihr derzeit sitzt. Ihr vermint zugleich auch noch jenes Neuland, das zu bestellen Ihr bisher versäumt habt.

Gute Nacht.

Und träumt süß weiter!

Mehr über die Studie wie die Marketing-Kings findet sich hier: www.die-zeitungen.de