Thüringens Zunft der Glasveredler (3): Tausendsassa an der Schleifscheibe

Glück und Glas… Der Tag wird kommen. In naher Zukunft. Wenn dann Falko Eichhorn, Karl Kutzer und Albert Bienert ihr Werkzeug aus der Hand legen und in den Ruhestand gehen, wird Thüringen um ein Handwerk ärmer. Die Drei gehören zu den Letzten ihrer Art. Sie sind Glasveredler (Schluss).

Ein Tausendsassa an der Schleifscheibe
Eigentlich gibt es nichts, was Albert Bienert nicht schon getan hätte. Und man gerät schnell in die Versuchung, über alles andere als über sein eigentlichen Broterwerb Kunde zu geben. Das scheint ihm selbst auch so zu gehen. Und wenn jemand mit ihm ins Gespräch kommt, dann strahlen die Augen am hellsten, geht es um das Rennrodeln, Drachenfliegen und die anderen Passionen des gebürtigen Ilmenauers.

Das mit dem Ins-Reden-kommen geht schnell. Verständlich; hockt der 64-Jährige doch zumeist den lieben, langen Tag allein in seinem Hinterhofwerkstättchen und übt seinen Beruf als Glasgraveur aus.

Das erfordert „viel Augenmaß, Fingerspitzengefühl und gutes Gehör“. Gehör? Bienert grinst. „Glas klingt beim Schleifen. Da hörst Du, wenn Du es versaust…“ Wieder gehört die ganze Konzentration seiner Arbeit. In die dünnen Kelche, aus denen dereinst auch einmal Wein getrunken werden soll, gräbt er mit traumwandlerischer Sicherheit Muster um Muster. Die Schleifmaschine Marke Eigenbau brummt, der Lederriemen zirbelt um die Triebräder. Und das Glas singt. Diesmal das Lied vom erfolgreichen Graveur…

Seine Künste sind ganz stark aktuellen Trends unterworfen. Wenn es früher als schick galt, dass Wein- und Sektgläser mit filigranen Gravuren veredelt waren, ist das (fast) aus der Mode. Einfach, glatt, ungeschliffen muss ein solches Glas heutigentags sein.

Nur gut, dass es da noch die Nischen gibt. Jagdausstatter und deren zahlreiches Klientel mögen („Gott sei dank!“) röhrende Hirsche und prangende Weinreben auf dem respektive im Glas.

Bienert kommt gerade zur Hochsaison dann nicht aus seinem Kabäuschen und schleift sich die Seele aus dem Leib. Auch wenn die Gewinnmargen stetig kleiner wurden; einfach aufhören wollte er nie.

Wird’s dann geschäftlich ruhiger, kümmert sich der Allrounder um seine zahllosen Hobbys. Aber auch die allzeit notwendigen Watungsarbeiten an dem – mit Verlaub! – museal anmutenden Maschinenpark können dann endlich kontinuierlich stattfinden.

Das er wie sein Freund und Kollege Kutzer fast alle seiner Werkzeuge und Maschinen selbst fertigt und wartet, gehört offenkundig zum Rüstzeug, will man in dieser Branche bestehen. Das sind dann auch nicht nur Kostengründe, die den technischen Hans-Dampf-in-allen-Gassen an der Werkbank tüfteln lassen. „Mit der Zeit verschwindet nicht nur dieser Beruf, sondern auch das ganze Drumherum“, erklärt er die gilde-typische Do-it-yourself-Methode.

Für Bienert, Eichhorn und Kutzer scheint die Entwicklung unaufhaltsam. „Jammern wollen wir aber nicht“, stellt Bienert klar. Vielmehr gehe es ihnen darum, zu zeigen: „Es gibt uns. Noch.“ Noch, denn auch Albert Bienert denkt immer öfter daran, Schluss zu machen. Spätestens nächstes Jahr, wenn er 65 wird. Aber vielleicht auch eher.

Denn professionelle Unterstützung zum Vermarkten ihres seltenen Handwerks, ihrer kleinen und großen Kunstwerke brauchen sie allemal. Bekommen die aber nicht. „Als Einzelkämpfer haste gar keine Zeit, dich um solchen Kram zu kümmern“, grummelt Bienert.

Und deshalb ist er auch nicht zufrieden mit „den Politikern“. Zwar habe man schon oft mit ihnen an einem Tisch gesessen, dies und das besprochen, diese und jene Vision – von einem Handwerkerhof in Ilmenau zum Beispiel – entwickelt. Aber so richtig in die Bahnen sei bisher nichts gekommen. Auch die Vision Handwerkerhof ist derweil längst beerdigt. Dennoch sagt Albert Bienert mit Nachdruck: „Mensch, wir wollen aber nicht tatenlos zusehen, wie unser Handwerk verschwindet…“

Die Erde wird sich aber im Fall aller Fälle dennoch weiterdrehen, Thüringen deshalb nicht dramatische Exporteinbrüche erleben, wenn die Kutzers, Eichhorns und Bienerts nicht mehr täglich den Hauptschalter in ihren Werkstätten umlegen. Aber schade wird es sein. Schade, dass ein für die Region typisches Handwerk sang- und klanglos verschwindet. Dass mit den drei handwerklichen Dinosauriern und ihren wenigen Mitstreitern unschätzbares Handwerkswissen und  -können dereinst die kommerzielle Bühne verlassen wird.

Glück und Glas – wie leicht bricht das.

(Der Dreiteiler ist ein überarbeiteter Artikel, der in der “Neuen Thüringer Illustrierten” erstveröffentlicht wurde.)

Thüringens Zunft der Glasveredler (2): Auf den rechten Schliff kommt’s an

Glück und Glas… Der Tag wird kommen. In naher Zukunft. Wenn dann Falko Eichhorn, Karl Kutzer und Albert Bienert ihr Werkzeug aus der Hand legen und in den Ruhestand gehen, wird Thüringen um ein Handwerk ärmer. Die Drei gehören zu den Letzten ihrer Art. Sie sind Glasveredler (Teil 2).

Auf den richtigen Schliff kommt’s an…
„Kutzer, Karl. Mit K. C – das sind die Künstler.“ Seine Biographie steht für die meisten hier, die ihr Glück mit dem Glas versuchten. Geboren wurde er 1942 im Sudetenland, in Böhmisch-Leipach. Der Glashochburg schlechthin. Damals. Es gehörte zum guten Ton, dass sich der ganze Familien-Clan – Eltern wie Geschwister von Klein-Karl – dem zerbrechlichen Werkstoff verschrieben hatte.

Wie die Geschichte weiter geht, ist bekannt. Als der Krieg zu Ende, der deutsche Größenwahn am Boden lag, gingen auch Kutzers auf den Treck. Für sie endete der 1946 in Thüringen, in Schleusingen-Neundorf.

Ganz zufällig war das nicht: Glas aus dem Thüringer Wald hatte auch schon zu früheren Zeiten einen guten Ruf. Doch weniger die schönen Dinge wurden aus dem transparenten Stoff gefertigt. Ilmenau, der Region ’drum herum eilte der Ruf voraus, bestes technisches Glas zu fertigen. Kolben, Rohre, Laborgefäße.

Als Kutzers Neu-Thüringer wurden, war Karl vier. Und seine Eltern mussten sich vorerst ein neues berufliches Auskommen suchen: schöne Dinge aus Glas brauchte zu den Zeiten kein Mensch. Wirklich nicht. „’ne Kohlenbrennerei haben sie. Das hatte wenigstens noch ein bissel ’was mit Glas zu tun…“ Eine mühsame und schwere Arbeit.

Als Karl seinen Schulabschluss hatte, schrieb man das Jahr 1956. Er wurde Stift bei der Firma Brückner in Ilmenau. Der Name hatte Klang. Aus Gablonz war der Firmenchef gekommen. „Über 100 Leute waren wir damals dort in der Firma“, erinnert sich Kutzer. Heute leben noch zwei oder drei; er mag sich nicht so genau festlegen. Er erlernte den Beruf eines Glasveredlers. Das sind jene, die aus Rohlingen, wie sie aus Glashütten kommen, all jene Dinge machen, die uns im Alltag begleiten und deren Schönheit das Auge erfreut. „Viel zu wenigen heute“, wie Karl knurrt, wenn er auf das Thema kommt.

Für die nächsten 35 Jahre wurde „Brückner Kristall“ Kutzers Heimat. Hier machte er 1974 auch seinen Meister. Weiterlesen

Thüringens Zunft der Glasveredler (1): Der Libellen-Mann

Glück und Glas… Der Tag wird kommen. In naher Zukunft. Wenn dann Falko Eichhorn, Karl Kutzer und Albert Bienert ihr Werkzeug aus der Hand legen und in den Ruhestand gehen, wird Thüringen um ein Handwerk ärmer. Die Drei gehören zu den Letzten ihrer Art. Sie sind Glasveredler.

Libellen gebaut  – und trotzdem nie abgehoben
Falko Eichhorn gibt gern den Ton an. Immer noch. Und hat dazu auch allen Grund: In dritter Generation und seit 113 Jahren gibt es seinen Handwerksbetrieb in Schmiedefeld. Das ist in Thüringen so einmalig wie die Produktion, mit denen die Eichhörner seit 1896 allen Widrigkeiten trotzten. Aus Schmiedefeld kommen Libellen.

Nein, nicht die filigranen Mini-Hubschrauber, deren graziler Tanz uns begeistert. Das lateinische „libela“ weist sozusagen den ausgewogenen Weg, denn es bedeutet „kleine Waage“. Libellen sind jene kleinen Helferlein, die man braucht, damit nix windschief und alles schön gerade wird. Es sind mit diversen Flüssigkeiten gefüllte Glasröhrchen oder Dosen, in denen eine Luftblase augenscheinliche Schieflage dokumentiert.

1896 gründete Großvater Ernst eine Werkstatt zur Herstellung von Präzisionsinstrumenten aus Glas, nachdem er die Idee gehabt hatte, die bis dato ausschließlich genutzten Wasserschlauchmessungen durch ein mit Alkohol gefülltes, gebogenes Glasröhrchen zu ersetzen. Die Nachfrage war so hoch, dass Schmiedefeld bald zur Libellen-Hochburg wurde.

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Frauentage und andere Plagen

Hugo – das ist der Kose-Namen, den mein Weib mir verpasste -, also: Hugo hatte gestern einen Black out. Und das obendrein an diesem Tag wegen dieses Tages.

Immerhin war ja 8. März: Ich erinnerte mich an den 39. Geburtstag meines Freundes, der Edelschlampe Maik. Ich vergaß nicht, zu unchristlich früher Zeit – um 8 Uhr – pünktlich in Gamstädt bei der Agrar GmbH zu erscheinen, um einem meiner anspruchsvollsten Kunden eine gute PR verpassen zu können. Ebenfalls zuverlässig  wie gewohnt erschien ich in Königsee zur Eröffnung der AWO-Begegnungsstätte. Schmeichelte dort den älteren wie den jüngeren Damen und rabaukte mir ein paar Infos zusammen, damit ich einen ordentlichen Text fabrizieren kann. Dann gondelte ich noch nach Saalfeld und spielte den Charmeur bei Jeannette Heine und Christiane Kranert, um auch hier meinen Job ordentlich zu machen.

Auf dem Wege zu jenen feschen Mädels vom Häuslichen Pflegedienst der AWO, von denen auch ich mich mal gerne betreuen lassen würde, klingelte ich noch bei Muttern an. Da ich schon sechs Wochen nix von mir hören lassen hatte, gab es Schelte. Der milden Art allerdings… Weiterlesen