Wer sind die Verursacher?

(rl) Thüringens Innenminister, Dr. Holger Poppenhäger, ließ sich in einer Medieninformation zum Softwareeinsatz bei der Thüringer Polizei zitieren: „Sollten sich die Beschuldigungen als haltlos erweisen, so sind sie jedoch erneut geeignet, Unruhe in die Thüringer Polizei zu tragen. Hier steht dann auch die Glaubwürdigkeit der Verursacher der Beschuldigungen auf dem Spiel.“ Wen meint er nur abseits jeglicher Verschwörungstheorie?

Ist es das LKA Thüringen, das Software möglicherweise nicht nur zur IT-Sicherheit einsetzt oder datenschutzrechtliche Belange nicht ausreichend berücksichtigt?

Ist es vielleicht das Innenministerium selbst, das den Hauptpersonalrat bei der Einführung des Gesamtprogramms „Device Watch“ möglicherweise nicht ausreichend informiert und die beiden Überwachungsprogramme verschwiegen hat?

Ist gar ein Informant der Medien aus dem eigenen Haus gemeint?

Oder meint der Minister die Medien, genauer den MDR, der die Geschichte aufdeckte?

Nein, es klingt nicht wie eine Drohung. Statt sich wie das LKA Thüringen um Sachlichkeit zu bemühen, lässt der Innenminister die Medien im Ungewissen und damit Raum für Spekulationen.

Aufgabe der Medien ist Sachverhalte von öffentlichem Interesse zu recherchieren und damit an der Meinungsbildung mitzuwirken. Recherche ist nach dem Pressekodex ein unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Damit verbunden ist die Pflicht, die  Nachricht vor ihrer Verbreitung auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Weitere Sorgfaltspflichten sind Sachlichkeit und Güterabwägung. Dem MDR-Bericht ist keine Vernachlässigung der genannten Pflichten zu entnehmen. Die Quellen (vertrauliche Unterlagen) werden genannt, die Betroffenen kommen zu Wort. Dass bei einer möglichen Überwachung von Dienstcomputern ein besonderes öffentliches Interesse besteht, wird auch der Minister nicht leugnen können.

Als Überbringer der schlechten Nachricht jedenfalls kann den Medien kaum das Schicksal der Boten im Mittelalter drohen. Allenfalls droht tatsächlich ein Glaubwürdigkeitsverlust, wie von Poppenhäger in der genannten Medieninformation formuliert – allerdings nur dann, wenn sich die Geschichte als schlecht recherchiert oder vorsätzlich falsch veröffentlicht herausstellt.

#starkesUrheberrecht: Ergebnisse unserer Blogparade

Das Urheberrecht soll novelliert werden. Genauer: Die Rechte der Urheber, vor allem das auf angemessene Honorierung, sollte gestärkt werden. Dafür gab es einen Gesetzentwurf, der gar nicht so schlecht war. Bis er verschlimmbessert wurde. Im Entwurf, der vor der Sommerpause in Bundesrat und Bundestag diskutiert wurde, stärkte das Gesetz plötzlich nicht die Urheber, sondern die Verwerter (zum Verlauf der Diskussion). Da hatten Verleger und Sender wohl lauter geschrien als Autoren und Künstler. Wir hatten damals zu einer Blogparade unter dem #starkesUrheberrecht aufgerufen und wollten von euch und Ihnen wissen, wie ein Urheberrecht aussehen muss, damit die Urheber wirklich davon profitieren – und wie es aktuell aussieht. Vielen Dank all den Bloggern da draußen, die sich an dieser Blogparade beteiligt haben.

Das war zum Beispiel Anita Grasse, unsere DJV-Landesvorsitzende, die in ihrem eigenen Blog schreibt: „Und in Zeiten, in denen die Lokalzeitungen ohnehin an allen Enden Personal einsparen, macht es vielleicht auch tatsächlich keinen Unterschied mehr. Ist ja schließlich egal, ob künftig statt vielleicht einem Drittel aller Beiträge von vermeintlich freien Journalisten fast alle von Menschen geschrieben werden, die nie eine journalistische Ausbildung genossen haben. Vor einigen Jahren nannte man sie Bürgerreporter. In Zukunft – wenn durch das mangelhafte Urheberrecht auch die letzten „echten“ Freien ihre Existenzgrundlage eingebüßt und den Beruf aufgegeben haben – wird man sie nur noch Reporter nennen.“ Und um genau das zu verhindern, brauche man ein starkes Urheberrecht: https://www.komplextext.de/allgemein/starkesurheberrecht-mein-beitrag-zur-blogparade/

Auch DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall beteiligte sich an der Blogparade. Er schreibt: „Es ist nicht (mehr) selbstverständlich, dass für die Nutzung geistigen Eigentums bezahlt wird. Das Internet hat die Sitten verlottern lassen. Viele meinen, „Content“ sei gratis zu haben, weil jeder Texte, Töne und Bilder kostenfrei herstellen und anbieten kann. Diese Haltung berücksichtigt aber nicht, dass es Profis gibt, deren beruflich die redaktionelle Erarbeitung von Inhalten ist. Genauso wie es Millionen Hobby-Fußballspieler gibt, gibt es sicher genauso viele Hobby-Journalisten. In beiden Bereichen jedoch gilt: Wer mit guter Ausbildung und professionellem Handwerk aktiv ist, muss von diesem Beruf aber auch leben können.“ Warum der neue Gesetzentwurf das nicht leistet, beschreibt er in seinem Beitrag unter http://frank-ueberall-dabei.blogspot.de/2016/05/starkesurheberrecht-eine-frage-des-uber.html

Das es auch anders geht, beschreibt Susann Winkel in ihrem Beitrag über die Honorarpraxis ihrer aktuellen Auftraggeber, die auch jetzt schon, ohne Gesetzesnovellierung, einen fairen Umgang mit ihren Urhebern pflegten: „Zu meinen wichtigsten Auftraggebern gehören die evangelischen Verlagsunternehmen in Deutschland, die in einem regen Austausch miteinander Wochenzeitungen für die einzelnen Landeskirchen erstellen. Immer wieder gern genommen sind dabei Beiträge zu Themen von überregionaler Relevanz, etwa großen Sonderausstellungen. Findet eine Redakteurin in Hamburg oder ein Redakteur in Stuttgart Gefallen an einem Beitrag, den ich für eine Redaktion in Weimar geschrieben habe, dann erhalte ich eine höfliche E-Mail, ob ich mit einer weiteren Veröffentlichung einverstanden wäre. PDF- und Papierbeleg sowie weitere Vergütung sind Selbstverständlichkeiten.“ Den ganzen Beitrag gibt es hier: http://susannwinkel.de/blog

Auch Dr. Bernd Seydel berichtet in seinem Blogbeitrag über eigene Erfahrung. Die allerdings waren weniger erfreulich als die von Susann Winkel: „Vor kurzem entdeckte ich auf einer Seite im Internet ein Foto von mir. Es begrüßt fröhlich alle Besucher als Banner stets oben auf jeder Seite. Es zeigt eine Drahtskulptur eines befreundeten Künstlers. Bis jetzt finde ich das alles ganz schön. Ärgerlich: Ich als Fotograf weiß davon nichts, wurde nicht gefragt und natürlich nicht bezahlt. Das ist die schlechte Seite der Nachricht. Die gute Seite: Der Künstler und ich haben mit dem Betreiber der Internetseite gesprochen, ihm einen Honorarvorschlag gemacht und er hat zugestimmt. Die Rechnung ist schon geschrieben.“ Zu seinem Beitrag geht es hier entlang: http://blog.dr-seydel.de/urheberrechte-sind-durchsetzbar/

Und Dr. Bernd Seydel hat sich einige Tage später aus aktuellem Anlass mit einem zweiten Beitrag an der Blogparade beteiligt. Darin geht es eher um die praktische Umsetzbarkeit eines Urheberschutzes – und die Frage, ab wann man eigentlich Urheber, zum Beispiel eines Fotos, ist. „Als ich vor einer Sehenswürdigkeit stehe, die ich dokumentieren möchte, werde ich angesprochen: ‚Können sie ein Foto von uns machen?‘ Drei ältere Damen lächeln mich an. Ich will schon zu meiner Kamera greifen, weil ich auf einen lukrativen Zusatzjob spekuliere, da drückt mir die eine Dame ihr iPhone in die Hand und kuschelt sich mit ihren beiden Freundinnen zusammen. Da zucke ich zusammen. […] Denken wir doch mal ganz nüchtern nach: Ich bekomme ein Handy von jemandem, den ich nicht kenne, für eine kurze Zeit geliehen? Ausgehändigt? Zur Verfügung gestellt? Ich nehme es an, fotografiere die drei Grazien. In dem Moment habe ich doch Urheberrechte für mich erzeugt. Ich bin der Urheber dieses Fotos, das ich mit einer Kamera gemacht habe, die mir nicht gehört. […] Zurück zu den Damen. Ich mache das Foto wie erbeten. Die Urheberrechte daran habe ich automatisch miterzeugt. Angenommen, die drei verschwinden, veröffentlichen das Foto und weil es so toll oder irgendetwas daran spannend ist, verkaufen sie es an eine Agentur und verdienen Geld damit. Und ich? Ich blöder Depp habe nichts davon, weil ich einfach nur freundlich sein wollte.“ Den ganzen Beitrag (und Bernd Seydels persönliche Auflösung des Dilemmas) finden Sie hier: http://blog.dr-seydel.de/millionenfach-urheberrecht-verletzt/

Mariana Friedrich beschreibt in ihrem Blogbeitrag die Folgen, die das neue Urheberrecht für Urheber hätte: „Stellt dir vor, du schreibst einen Hit. Sowas richtig großes, ‚Yesterday‘ von den Beatles oder ‚Thriller‘ vom King of Pop oder ein ähnliches Kaliber. Aber egal, wie oft sich deine Fans deinen Ohrwurm kaufen, du wirst nur für die allererste Platte bezahlt. Den Rest der Einnahmen streicht die Plattenfirma ein. Und schreibt vielleicht sogar ihren Namen statt deinen über den Song. Unfair, oder? In etwa so kann man sich vorstellen, was der Bundestag derzeit zum Thema Urheberrecht verhandelt.“ Ihre Beurteilung der Sache – übrigens aus dem Blickwinkel einer festangestellten Redakteurin – finden Sie hier: https://tuerknauf.wordpress.com/2016/06/05/marionetten-der-lobbyisten/

Ausgewogene Berichterstattung zur Kreisfreiheit von Gera?

(rl) In den vergangenen Tagen erreichten den DJV Thüringen Meinungsäußerungen zu einer OTZ-Aktion zum Erhalt der Kreisfreiheit von Gera.

Die Aktion schadet dem Ansehen der Branche, da geht es nicht allein um die OTZ. Man kann ja von der Gebietsreform halten was man will, eine ausgewogene Berichterstattung sieht aber anders aus.

Jörg Riebartsch, Chefredakteur der OTZ, erklärt in seinem Blog die Aktion. So habe eine deutliche Mehrheit im Stadtrat für die Kreisfreiheit der Stadt votiert. Es gäbe auch keine Pflicht oder gesetzliche Bestimmung, „die einer Zeitung auferlegt, neutral zu sein“. Stolz, der verloren geht, die Stadt, die im Landkreis untergeht, Förderungen, die ausbleiben – Bürger, Amtsträger und Wirtschaftsvertreter äußern ihre Ängste, pochen auf die kommunale Selbstverwaltung, bezeichnen die Pläne der Landesregierung als unausgegoren.

Das Dossier zur Aktion finden Sie hier

Machen Sie sich selbst ein Bild und schreiben Sie uns Ihre Meinung!

 

O-Ton (4): Ein Muskikus schifft sich ein

O-Ton – Rainer Aschenbrenner im Gespräch mit Vinzenz Heinze / 29.01.2013
HeinzeDer Gothaer Musiker (geb. 1987) hatte zehn jahre Klavierunterricht und lernte auch Schlagzeug spielen, gewann etliche Wettbewerbe. Er arbeitete als Lehrer für Klavier, Keyboard und Schlagzeug, bis er sich ganz aufs Musik machen konzentrierte.
Er sammelte Banderfahrung u. a. mit den Rambling Stamps, Extase, JAM und den Gory Fingers.
Mit seiner aktuellen Band ANNRED (www.annred.de) heimst er viel Beifall ein, wird regelmäßig von großen Agenturen gebucht und cruist u. a. seit 2012 mit AIDA-Kreuzfahrteischiffen über alle sieben Weltmeere …
Endrik SCHUBERT gab in seinem Artikel über Vinzenz „Einblicke“…

O-Ton – Rainer Aschenbrenner im Gespräch mit dem “Gotha tadelt“ Frosch / 20.12.2012
FroschWas vor den Kommunalwahlen 2012 als Gag begann, entwickelte sich zu einem Projekt auf Facebook (https://www.facebook.com/gotha.tadelt), dass recht umstrittenen war: Deshalb, weil der Mann hinter der Maske meist kein Blatt vors Froschmaul nahm … Zudem machte er mit originellen Wahlplakaten und Cover-Versionen von solchen Videos sowie provokativen Preisen wie die „Schwarze Kröte 2012“ von sich reden.
Deshalb machte ich als „Storch Rainar“ kurz vor Weihnachten eine tierisch gute Sendung unter dem Slogan „Würg den Lurch!“.

O-Ton – Rainer Aschenbrenner im Gespräch mit Dirk Kollmar / 19.11.2012
KolmarIn Gotha etwas über Dirk Kollmar zu erzählen, wäre wie Bier in die Leinastraße zu bringen. 1990 kaufte die Familienbrauerei aus Altöttingen von der Treuhand die Brauerei Gotha und führte sie in die Bundesliga ihrer Branche. OeTTINGER ist das meistverkaufte Bier in Deutschland – 7 Mio. Hektoliter stellt dier Gruppe her. Seit Jahren engagiert man sich auch in Osteruopa.
Dirk Kollmar ist zudem begeisterter Basketballer. BIG Gotha als Verein betreut u. a. mehr als 200 Kinder und Jugendliche. 15 Teams spielen aktiv. Die Vorzeige-Mannschaft OeTTINGER Rockets stieg 2012 in die Basketball-Bundesliga auf.
Auch Kollmar erhielt 2011 die Myconius-Medaille der Stadt Gotha. Die 1.500 Euro Preisgeld spendete er dem Basketball-Nachwuchs. Zudem bekam er im selben Jahr für sein – genrell finanziell erhebliches – Engagement im Breiten- wie Spitzensport das Bundesverdienstkreuz.
Mehr hier:
www.oettinger-bier.de
www.big-gotha.de

O-Ton – Rainer Aschenbrenner im Gespräch mit Werner Kukulenz / 18.10.2012
KukiZur Premiere des „O-Tons“ hatte ich Gothas ersten frei gewählen Bürgermister zu Gast. Werner Kukulenz kenne ich seit meinem ersten Tag als Journalist in Gotha, seit dem 15. Oktober 1990.
Auch deshalb schwelgten wir in Erinnerungen: An die Räuberpistole mit Hans Weselowski, über die ich schon in meiner Kolumne im „Oscar am Freitag“ (September 2012) ausführlich berichtete. Dort wie beim „O-Ton“ spielte dann auch Weselowskis Vorbild, Harry Domela, eine entscheidende Rolle.
Für eine spätere Sendung haben wir zwei noch genug Stoff aus den wilden 1990er-Jahren – da gab es z. B. eine Hilfsaktion für Albanien, deftige Debatten mit dem „dicken Dieter“ Reinholz, Gothas erstem Landrat.
Und eigentlich müsste dann auch Michael Brendel dabei sein. Er wurde unter Kukulenz Ordnungsamtschef und es seither ist. Brendel sollte dann auspacken, wie das damals so war – mit Gothas Rotlichtszene.

Oscar-Kolumne: Teile und herrsche

Ein Gespenst geht um in Thüringen – das Gespenst der Gebietsreform. Wieder mal. Vor der ersten Auflage 1994 verbündeten sich allerlei Mächte der frisch erlangten kommunalen Selbstverwaltung gegen dies Gespenst. 22 Jahre später ist’s unheimlich still.

Wohl, weil den Thüringern ihre Städte und Dörfer näher sind als die Kreise. Nachwehen völlig verkorkster Landespolitik: Thüringen galt zu Beginn der 1990er-Jahre als „Republik der Landräte“. Der Gothaer Dr. Dieter Reinholz (CDU) war deren Anführer. Ein Macher. Der heimliche Herrscher im Freistaat, mit leicht absolutistischen Zügen. Bis Bernhard Vogel (CDU) in Erfurt einflog. Mit ihm schoß ab 1992 lustig-listig die Landesbürokratie ins Kraut.

Die halste großzügig Aufgabe um Aufgabe den Kreisen auf. Für lau.

Mit Folgen. Die konnten kaum noch gestalten, sondern mussten verwalten. Den stetig wachsenden Mangel, denn auch unter Althaus und Lieberknecht (beide CDU) dauerten diese unbezahlten Landkreis-ABM an.

Dabei barmt schon Goethes Gretchen im „Faust“: „Nach Golde drängt, am Golde hängt. Doch alles. Ach wir Armen!“

Das Land alimentiert aber nur Städte und Gemeinden – via kommunalen Finanzausgleich und adäquat der Einwohnerzahl.

Das macht Bürgermeister kreativ. So wie 2005. Da ging die Kunde eines flotten (Städte-)Dreier die Runde. Gotha, Ohrdruf und Waltershausen sollten sich vermählen. Zumindest hatten dies die Stadtoberhäupter Volker Doenitz (SPD), Klaus Scheikel und Michael Brychcy (beide CDU) vor.

Auch damals dräute die Quadratur der Kreise und Gemeinden, waren Fusionen wie jene von Leinefelde und Worbis, 2004 vollzogen, en vogue.

„Vorm Hintergrund begrenzter Finanzen müssen sich die Kommunen für die Zukunft neu aufstellen“, nannte vor elf Jahren Gothas OB Doenitz im Radio-Interview das Motiv für die „MegaCity“. Mit mehr als 70.000 Einwohnern wäre GoWaDruf viergrößte Stadt Thüringens geworden. Das Bürger-Plus hätte zu damaligen Konditionen jährlich gut 4 Mio. Euro mehr in die Kasse der sta(d)ttlichen Struktur gespült.

Offiziell scheiterte die Dreieinigkeit, weil es keine gemeinsamen Gemeindegrenzen gab.

Nun versucht sich Rot-rot-grün an der Gebietsreform. Und wird scheitern. Weil man wieder den zweiten vorm ersten Schritt macht – die die Reform der Verwaltungsstruktur. Eine Diät auf Landesebene. Da wäre weniger wirklich mehr. Das würde Verantwortung dort hinbringen, wo wir Bürger sind. Und das Geld dazu. Dann auch für Landkreise, die bisher von ihren Gemeinden leben, von einer Umlage.

Schritt 1 wird aber keck übersprungen. So soll eben mehr Effizienz bringen, einfach größere Kreise zu ziehen. Das Ganze passiert zudem im Schweinsgalopp.

Divide et impera – teile und herrsche. Was im alten Rom getan, was Niccolò Machiavelli 1532 den Medici, seinen Herrschern, ins (Stamm-)Buch „Der Fürst“ schrieb, feiert also anno 2016 in Thüringen fröhlich’ Urständ.

Divide et impera. Teile – in von Landtagsmehrheiten geformte, macht- und kraftlose Kreise, die nicht einmal was dagegen tun können.

Und herrsche – übers kommunale Volk. Mit ein paar mehr als den sonst üblichen 30 Silberlingen.

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 24. Juni 2016)

Ist das die Arbeitsweise der Zukunft?

(hb) Das soll alles viel praktischer sein und Zeit sparen: die einen beschaffen das Material draußen in der Region, die anderen verarbeiten es in der Zentrale. Daher würde die Organisation der Redaktion auch so verändert werden: in der Zentrale sitzen sogenannte Bearbeiter, die das Rohmaterial der Kollegen und Kolleginnen zu kurzen oder längeren Nachrichtenfilmen machen.
Es ist aber nicht praktischer, wenn sich zwei Menschen in ein Thema einarbeiten müssen. Der Nachrichtenfilm wird nicht besser, wenn zwischen dem Lieferanten und dem Bearbeiter des Rohmaterials Informationen verloren gehen.
Das zeigt sich manchmal an Kleinigkeiten: Ortsnamen werden von den Kollegen in der Zentrale falsch ausgesprochen oder Dörfer in andere Landkreise verschoben. Das kommt aber auch zum Vorschein, wenn bei komplexen Themen verschiedene Aspekte in einen Topf geworfen werden, die da gar nichts zu suchen haben.
Für die Kontakte zu Gesprächspartnern in der Region ist es überdies schlecht, wenn die Reporter mit dem Endprodukt nichts zu tun haben. Wie sollen wir uns für die gesendeten Fehler rechtfertigen? Wir sollten schließlich nicht behaupten, dass für unseren Kollegen in der Zentrale ausgerechnet dieses Thema neu war, oder? Aber sonst seien sie dort alle wirklich kompetente, liebenswürdige Zeitgenossen! Ehrlich. Werden wir dann nochmal gute Tipps oder exklusive Informationen bekommen?
Dazu kommt, dass es sowieso Probleme zwischen den Reportern draußen und die Redakteuren drinnen gibt: man hält sich wechselseitig für bequem beziehungsweise ahnungslos. Eine neue Arbeitsweise sollte diese Strukturen nicht noch weiter verfestigen.

„Ich bin gerne Gastgeberin“

Gotha. Die Ohrdrufer Straße. Ausfallstraße und Einfallstor. Seit 1. Juni 1996 auch Adresse eines Hotels mit animalischer Nachbarschaft. Die ist bald Namenszusatz: „Quality Hotel am Tierpark“. Das feiert jetzt 20. Geburtstag.

Ein Maitag. Die Sonne lunzt ums Eck. Spiegelt sich auf blitzeblank polierten Gläsern; darunter jene für Rotwein. Mehr als 20 sind es. Ganz sicher.

Logisch, will man meinen. Schließlich gehört ein Restaurant zum Haus. Jahre zuvor war aber der Bestand jener 20 Gläser ein Thema, erinnert sich Hoteleignerin Hannelore Neher: Damit die erste Familienfeier mit 35 Leuten stattfinden konnte, investierte sie damals unverzüglich. In Rotweingläser.

1998. Neher, geboren in Berka (Werra), hatte gerade das Leben aus dem Koffer aufgegeben. War zuvor zwischen Berlin und dem Tegernsee unterwegs. Hatte als Regionaldirektorin einer Hotelkette stets vier Wochen das Kommando in neuen Häusern, um sie „ins System zu integrieren“. Wie in Gotha, wie im Ex-Treff-Hotel.

Neher kam. Sah. Und blieb. War der Kurzzeitkarrieren als „Eingliederungshilfe“ überdrüssig. Erkannte das Potenzial des Hauses. Wollte sesshafter werden. Lebte damals in Erfurt. Schlug also im Juni 1998 Wurzeln, tauschte das Monats-Management gegen die Vollzeit-Verantwortung als Direktorin.

Der Start war beschwerlich. Über elf Jahre und sieben Pächter blieb das Haus in Zwangsverwaltung. Dann hatte Hannelore die vielen, stetig wechselnden Dienstherren und die Faxen dicke: Pachtete 2005 das Haus am „See“. Wagte 2009 den ganz großen Wurf. Kaufte das Hotel.

Mut hat sie. Und viel mit ihren „QualiTätern“ geschafft. Überhaupt – „ihr“ Team. Da lässt sie nix drauf kommen. „Dieser tollen Truppe verdanken wir den Erfolg und unseren guten Ruf.“ Nehers Anspruch, ein „Zuhause auf Zeit“ zu sein, steht und fällt mit Service, Freundlichkeit und Kompetenz jedes Einzelnen.

So viel Engagement findet Anerkennung. Mit dem grünen „Q“ bekam das „Quality“ als erstes Haus im Landkreis das „Thüringer Quali­tätssiegel“. 2005 folgte die Qualitätseinstufung als „Drei-Sterne-Superior“-Hotel, die 2011 bestätigt wurde. Die Choice-Gruppe, zu der das Haus gehört, zeichnete Neher 2001 als „Managerin des Jahres“ aus. 2011 folgte die Ehre, „Hotel des Jahres“ zu sein.

IMG_3352 Gut eine Million Euro sind nun investiert. Fast alles ist neu: Mobiliar, Teppiche, Gardinen, Innendeko, Küche. Auch die Konferenz- und Kommunikationstechnik. „Von den 25.000 Gästen im Jahr sind die meisten Geschäftskunden, die Wert auf solche Dinge legen.“

Aufschwung ist also Neher. Davon profitieren Firmen von hier: „Für mich keine Frage: Geld, das wir hier verdienen, kommt auch wieder der Region zugute.“

Der ist Hannelore Neher weit übers Gewerbe mit der Herberge hinaus verbunden, die in den letzten zwei Jahrzehnten über 360.000 Gäste zählte.

Sie hat ein Faible für Sportler. Sonst eher zurückhaltend, wagt sie dafür Spektakuläres. Wie 2005 den „Kellnerlauf“. Der adaptierte das Pariser Original auf den Champs Elysées. Das Gothaer Pendant war witziges Warm up für den „Citylauf“. Doch der findet traditionell am Muttertag statt – einer der Umsatzbringer der „QualiTäter“. Also flitzten nach vier Tablettwettbewerben Nehers Truppen wieder übers heimische Parkett.

Schließlich brauchte es langen Atem, das Haus den Gothaern schmackhaft zu machen – mit Oldie-Abenden, der Hauskirmes, Partys für Firmen, Familien…

Nehers Faible blieb. 2013 startete daher der „Christmas fun“.Wie einst beim „Spiel ohne Grenzen“ sorgen Mannschaftswettbewerbe für Unterhaltung. So auch kurz vor Weihnachten 2015. Sechs Leute messen sich in fünf witzigen Wettbewerben. Wie immer haben die Teilnehmer aus den vier großen Gothaer Ballsportvereinen Wacker, BiG, VC Gotha und den Hornets ihren Spaß an der dritten Auflage dieses Advents-Events. Schließlich erhält jeder (s)einen Anteil an den Siegprämien: 5.000 Euro stiftete das „Quality“, weitere 1.250 Euro Nehers Freund und guter Kunde, Wolfgang Struensee (Crestcom Germany) . Diese Art, die Vereinskasse aufzubessern, gibt es kein zweites Mal in Gotha. Auch deshalb ist sie erste Sahne.

Übrigens waren eine laue Sommernacht an der Seenlandschaft vorm „Quality“, eine Runde Freunde und ein paar Cocktails die Zutaten für diese Idee. Möge das „QualiTäter“-Team weiter so kreativ bleiben.

Derzeit sind es 29 Leute, davon sechs Gastgeber in spe. Jedes Jahr bekommen drei junge Leute ihre Chance.

Die Liebe zum Beruf kann vor allem Hannelore Neher näher bringen, ganz hervorragend sogar. Denn von Herzen und ganz überzeugend bekennt sie: „Ich bin gerne Gastgeberin.“

(veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 27. Mai 2016)